Lou Marin, Horst Blume

Gandhi

"Ich selbst bin Anarchist, aber von einer anderen Art"

13,90

Mohandas Karamchand Gandhi und seine gewaltfrei-revolutionären Massenkampagnen in Indien gegen die britische Kolonialmacht sind noch immer eine weltweite Inspirationsquelle und ein emanzipatorischer Gegenpol zu gewaltverherrlichenden und kriegstreiberischen Tendenzen. In diesem Buch werden staatskritische und pro-anarchistische Stellungnahmen Gandhis in Texten aus drei Jahrzehnten dokumentiert.

Beschreibung

Lou Marin, Horst Blume
Gandhi
“Ich selbst bin Anarchist, aber von einer anderen Art”

140 Seiten, zahlreiche Fotos und Abbildungen, 13,90 Euro
ISBN: 978-3-939045-38-0

Mohandas Karamchand Gandhi (1869–1948) und seine gewaltfrei-revolutionären Massenkampagnen in Indien gegen die britische Kolonialmacht sind noch immer eine weltweite Inspirationsquelle und ein emanzipatorischer Gegenpol zu gewaltverherrlichenden und kriegstreiberischen Tendenzen.

In diesem Buch werden staatskritische und pro-anarchistische Stellungnahmen Gandhis in Texten aus drei Jahrzehnten dokumentiert. Auf dieser inhaltlichen Grundlage wird auch auf die Vorwürfe eingegangen, Gandhi sei angeblich „Rassist“ oder „Verteidiger des Kastensystems“ gewesen. Dass diese Vorwürfe haltlos sind, wird durch die hier vorliegenden Texte deutlich. Sie zeigen, wie sich Gandhis Positionen entwickelten und radikalisierten: bereits ab 1908 in Südafrika im Kollektiv mit jüdischen Gewaltfreien, ganz besonders aber während der drei Jahrzehnte des anti-kolonialen Kampfes in Indien.

Abschließend wird anhand der aktuellen sozialen Bewegung für Landrechte am Beispiel von Ekta Parishad gezeigt, dass sich diese auf den Salzmarsch Gandhis bezieht und die gewaltfrei-libertäre Tradition noch immer relevant für die Kämpfe von unten im heutigen Indien ist.

Inhaltsverzeichnis

Teil I: Drei Reden und Texte: Gandhi als Anarchist

„Ich selbst bin Anarchist, aber von einer anderen Art.“
Rede zur Einweihung der Hindu-Universität von Benares, 6. Februar 1916

Macht ist keines unserer Ziele
[sondern aufgeklärte Anarchie]
Aus Young India, 2. Juli 1931

„Der ideale Staat wird eine geordnete Anarchie sein.“
Diskussionen mit B.G. Kher und Anderen, in: Harijan, 28. August 1940

Teil II:
Gandhi: Ein Anarchismus anderer Art
Lou Marin

Gandhi als anerkannter Teil des Anarchismus in Indien

Gewaltfreier Widerstand am Beispiel der SalzmarschBewegung 1930

Gandhi als Rassist? Der Kampf für die indische Minderheit in Südafrika und seine spezifischen Bedingungen

Nelson Mandelas Wertschätzung für Gandhi als Inspiration im anti-rassistischen Kampf

Anti-Rassismus bedeutet auch: gegen Antisemitismus! Gandhis frühe Integration jüdischer Mitstreiter in den Ashrams, Hermann Kallenbach, Sonja Schlesin und Martin Buber

Gandhis universalistischer Anti-Kolonialismus als Gegenposition zu Subhas Chandra Boses Prinzip „Der Feind meines Feindes ist mein Freund.“

Die Gandhi-Mörder Nathuram Godse und V. Savarkar: Mord aus Motiven des Anti-Rassismus Gandhis und dessen Gegnerschaft zum Hindu-Nationalismus

Gandhis Positionen zur Emanzipation und Auflösung des Kastensystems, sein Streit mit B.R. Ambedkar um eine zweite Teilung Indiens und die Schaffung des Staates „Harijana“

Zur Aktualität von Gandhis Modernitäts- und Zivilisationskritik

Teil III:
Die gandhianisch geprägte Landrechte-Bewegung Ekta Parishad (Gemeinsamer Rat)
Horst Blume

Leseprobe

Gandhi als anerkannter Teil des Anarchismus in Indien

Die Texte des ersten Teils dieses Buches dokumentieren ein bei Gandhi über die gesamte Zeit der Unabhängigkeitsbewegung von 1916 bis 1947 präsentes, positives Verständnis des Begriffes der Anarchie und der Kritik des Staates als am stärksten organisierte Form der Gewalt. Was sich viele europäische Linke noch immer wahrzunehmen weigern, ist im zeitgenössischen Anarchismus in Indien heute Konsens, dass Gandhis gewaltfrei-libertäre Philosophie und Praxis nämlich selbstverständlicher Teil und eine wichtige Strömung des indischen Anarchismus ist.

Eine erste Phase der Propaganda der Tat: Savarkar und Bhagat Singh

Für Indien lassen sich das gesamte 20. Jahrhundert hindurch zwei Traditionen des Anarchismus unterscheiden. Eine anarchistische Strömung europäischer Herkunft war dabei im Wesentlichen modernistisch ausgerichtet; das gilt für die Epoche der Propaganda der Tat, was vor allem gewaltsame Attentate beinhaltete, die von den anti-kolonialen indischen Revolutionären gegen britisch-koloniale Funktionsträger ausgeführt wurden. Diese Phase der anarchistischen Attentate wurde damals im europäischen Anarchismus „Illegalismus“ genannt. Zweitens gab es anarchistische Strömungen indischer Herkunft, die im Wesentlichen durch indigene Begründungen geprägt waren; wobei ein Schwerpunkt bei der anti-modernistisch und gleichzeitig gewaltfrei ausgerichteten Strömung Gandhis und seiner Nachfolger*innen liegt.

Im Jahr 1905 hat die britische Kolonialmacht die ostindische Region Bengalen gemäß der Zugehörigkeit der Bevölkerungsmehrheit entweder zum Islam oder zum Hinduismus zweigeteilt – ihrem kolonialistischen Prinzip des „Teile und Herrsche“ folgend –, was eine Welle von Attentaten durch Studenten aus den gehobenen Klassen Indiens auslöste. Sie wurden von ihren Familien oft zur Ausbildung als Verwaltungsbeamte nach London geschickt. Hier und bald darauf auch in Paris begann eine Generation junger indischer Anarchisten britische Offiziere oder Kolonialverwalter anzugreifen. Am bekanntesten wurde das Attentat auf William Curzon-Wyllie 1909 in London. Der Attentäter war Madan Lal Dhingra. Er wurde sofort festgenommen und gehängt. Er war ein Schüler seines Auftraggebers, Vinayak Damodar Savarkar (1883-1996), genannt Veer Savarkar, dem es gelang, vor der juristischen Verfolgung zunächst nach Paris zu fliehen. Als er dann nach London zurückkehrte und doch festgenomen wurde, sollte er als Gefangener auf dem Schiff zur Verbüßung seiner Strafe nach Indien überführt werden. Bei einem Zwischenstopp in Marseille/Frankreich bereiteten französische anarchistisch-illegalistische Gruppen eine Befreiungsaktion für Savarkar vor, die jedoch scheiterte. Immerhin bezeugt die Aktion die engen Verbindungen und organisatorischen Verflechtungen der indischen anarchistischen Illegalisten mit den europäischen Vertretern einer anarchistischen Politik der Attentate. Gleichzeitig distanzierten sich auch europäische Anarchisten wie Guy Aldred, der gleichwohl ein Komitee gegen die Repression Savarkars gründete, sowohl von dessen Politik der Attentate als auch vom Nationalismus Savarkars, weil dieser einer Staatsgründung nur vorausgehe. In der bürgerlichen Öffentlichkeit wurde damals der Begriff des Anarchismus auch auf die Taktik der Attentate verengt, doch Savarkar war damals schon Nationalist – und die Anarchist*innen waren anti-national.

Savarkar sollte später – darauf wird weiter unten in der Diskussion um die Mord-Verschwörung an Gandhi im Jahr 1948 zurückzukommen sein – zum wichtigsten Begründer des rassistischen HinduNationalismus und damit zum Ideengeber der Hindutva-Ideologie der heutigen Regierungspartei BJP (Bharatiya Janata Party; Indische Volkspartei) werden. Es gab damals neben London und Paris noch weitere Zentren des indisch-anarchistischen Illegalismus außerhalb Indiens, vor allem die Gruppe „Ghadar“ (Revolte) in Berkeley mit den Aktivisten Santok Singh und Har Dayal, die u.a. durch die russischen Anarchist*innen Bakunin oder Wera Sassulitsch beeinflusst waren und lose Kontakte zur anarchosyndikalistischen Gewerkschaft IWW (Industrial Workers of the World) in den USA hielten. Die Verbindungen der „Ghadar“-Gruppe reichten bis nach Indien hinein, vor allem in die Region Punjab und die Großstadt Lahore. Dort, nunmehr innerhalb Indiens, schrieb der junge Atheist Baghat Singh (1907-1931) das bisher letzte Kapitel der „Propaganda der Tat“ im indischen Anarchismus. 1928 arbeitete Bhagat Singh für eine Zeitung einer oppositionellen Strömung der Kommunistischen Partei Indiens (PCI) mit dem Titel Kirti (Arbeiter). Er schrieb darin eine erste Skizze der Geschichte des europäischen Anarchismus in einer indischen Zeitung. Sie schloss mit einer Eloge auf das Bombenattentat des Auguste Vaillant auf das französische Parlament, die Nationalversammlung, in Paris im Jahre 1893. Dadurch inspiriert wollten Bhagat Singh und seine Gruppe den britischen Polizeichef von Lahore, Scott, töten, aber sie verwechselten die Zielperson und ermordeten dessen Assistenten Saunders. Und im April 1929 folgten Bhagat Singh und einer seiner Genossen dem Beispiel Vaillants auf dem Fuße, indem sie zwei Bomben in die indische Nationalversammlung, ein Parlament mit vom Kolonialismus stark beschnittenen Rechten in Delhi, warfen, die einige Abgeordnete verletzten. Beide Attentäter wurden sofort verhaftet und Bhagat Singh wurde im März 1931 nach fast zweijähriger Gefängniszeit durch den Strang hingerichtet. In der Haft las er Lenin, Trotzki, Marx und Engels, verfasste eine marxistisch-leninistisch geprägte Schrift, in der er den individualistischen Anarchismus, der die Grundlage für die Attentatspolitik war, verwarf. Aufgrund dieser Schrift wurde Bhagat Singh posthum von der Kommunistischen Partei Indiens (CPI) als einer der ihren adoptiert und in deren Ikonographie aufgenommen. (1)

M.P.T. Acharya: Sein Werdegang als Bindeglied zwischen europäisch und indisch geprägtem Anarchismus

Eine Person des indischen Anarchismus, dessen beeindrucktende Biografie eine Art Verbindung darstellt zwischen den beiden genannten Traditionen ist M.P.T. Acharya (1887-1954). Auch er begann seinen politischen Werdegang zunächst in Europa, in London, Paris und Berlin. Im Anschluss an die russische Oktoberrevolution wurde er 1919 überzeugter Kommunist, ging nach Moskau und wurde von Lenin nach Kabul und Taschkent gesandt, um dort die asiatischen Kommunist*innen zu organisieren. Innerhalb der Politik der Kommunistischen Internationale setzte er sich entschlossen für die positive Integration der anarchosyndikalistischen Gewerkschaften ein, wurde an den Rand gedrängt und floh Ende 1922 nach Berlin. Ab dieser Zeit betrachtete er sich selbst als Anarchosyndikalist. Er blieb die Zwanzigerjahre über in Europa und schrieb beispielsweise von 1930 bis 1932 Artikel in der Zeitschrift der Internationalen Arbeiter-Assoziation (IAA), Die Internationale, über die indische Massenbewegung infolge des Salzmarsches Gandhis. Er kritisierte dabei Gandhi, erkannte aber den revolutionären Charakter der Massenbewegung an. Es folgte in Acharyas politischem Werdegang danach eine generelle Hinwendung zur gandhianischen Orientierung in den Jahren nach 1935: Acharya ging zurück nach Indien; 1940 übersetzte er dort das Buch von Rudolf Rocker, Nationalismus und Kultur, ins Hindustani und verbündete sich mit dem libertär-sozialistischen Verleger Lovtala. Nach der gandhianisch geprägten anti-kolonialen Massenbewegung „Quit India“ im Jahre 1942, die beide, Acharya und Lovtala, sehr beeinduckt hatte, wurde Acharya Sekretär in Lovtalas „Institut für Soziologie“ sowie Journalist u.a. für die Zeitschrift Gandhis, Harijan (Kinder Gottes, aufwertender Ausdruck für sogenannte „Unberührbare“). Dies blieb Acharya bis zu seinem Tod im Jahre 1954, der in der Zeitschrift ausführlich gewürdigt wurde. (2)

Europäische und genuin indische Einflüsse auf die Form des Anarchismus Gandhis

Die Benares-Rede Gandhis von 1916, „Ich selbst bin Anarchist, aber von einer anderen Art“, ist nur zu verstehen vor dem Hintergrund der Dominanz gewaltsamer Attentatsaktionen im indischen Anarchismus und Anti-Kolonialismus bis zur Zeit der Einweihung der Hindu-Universität von Benares. Gandhi musste sich vom Attentats-Anarchimus abgrenzen, weil Letzterer bis dahin die anti-koloniale Bewegung dominierte, die Bewegung selbst aber noch keineswegs eine Massenbewegung war. Gandhi hat sich aber gleichzeitig mit dieser Rede als der Gesamtideenströmung des Anarchismus zugehörig erklärt – obwohl das bei der Einweihung einer Universität sicher riskant und mutig gewesen war. Dass diese Erklärung der Zugehörigkeit zur anarchistischen Philosophie kein Zufall war und über die gesamte Zeit der von ihm geprägten, relativ weitgehend gewaltfrei kämpfenden Unabhängigkeitsbewegung bewusst aufrechterhalten wurde, beweisen die beiden anderen übersetzten Originaltexte Gandhis eingangs dieses Buches aus den Jahren 1931 und 1940. Die Rezeption anarchistischer Ideen und persönlichen Beziehungen Gandhis mit Anarchist*innen begannen jedoch bereits viel früher, etwa zur Jahrhundertwende in London, wo er Peter Kropotkin persönlich besuchte und das 1902 erschienene Buch Gegenseitige Hilfe in der Tier- und Menschenwelt las. Außerdem war Gandhi durch die Schrift von Henry David Thoreau über den Ungehorsam gegen den Staat (3) sowie von den politischen Schriften Tolstois beeinflusst – mit Letzterem führte er zudem einen Briefwechsel. In den Dreißigerjahren nahm der gewaltfreie Anarchist Bart de Ligt Kontakt zu Gandhi auf und führte einen engagierten, durchaus kontroversen Briefwechsel mit Gandhi. Doch noch weitaus mehr als aus diesen Berührungspunkten mit dem europäischen Anarchismus entwickelte Gandhi seine Überzeugungen aus den indigenen Traditionen Indiens, weshalb er sie auch vordringlich in den indischen Bezeichnungen der ahimsa (wörtlich: Nicht-Gewalt; Wort für Gewaltfreiheit) oder auch der satyagraha (wörtlich: Festhalten an der Wahrheit; Wort für gewaltfreien Widerstand) ausdrückte. Durch diese inner-indischen Traditionen der Gewaltfreiheit forderte er in einer Art innerkulturellen Auseinandersetzung mit anderen Strömungen in Indien die militaristischen und patriarchalen Werte der zweiten, der Krieger-Kaste (Kshatriya) heraus. Diese Werte verkörpern für den libertären Gandhi-Interpreten Ashis Nandy gleichzeitig die Werte der britischen Kolonisator*innen, während Gandhis Anti-Kolonialismus wesentlich, so Nandy, auf einer Gegenkonzeption androgyner und femininer Werte und Verhaltensweisen basiere. Erst die Umsetzung dieser Werte innerhalb des anti-kolonialen Widerstands führte nach Nandy zur Entstehung der ersten, frühen Frauenbewegung innerhalb der anti-kolonialen Bewegung. (4)

Dabei blieb die gandianische Konzeption des Anarchismus nie eine rein religiöse. Davon zeugt der Bericht des indischen gewaltfreien Atheisten Gora (5), der in den gandhianischen Ashrams (Kommunen) in einer gemischt zusammengesetzten Kollektivität zusammen mit Hindus, Muslim*as, Buddhist*innen, Sikhs, Harijan/Dalits und auch Adivasis (traditionelle Stammesangehörige außerhalb des Hinduismus) lebte. Und auch auf internationaler Ebene zeigte sich zum Beispiel der atheistische gewaltfreie Anarchist André Bernard, für diese Strömung in den Sechziger- und Siebzigerjahren in Frankreich äußerst einflussreich, stark inspiriert von Vinobha Bhave, einem religiösen Nachfolger Gandhis. Die vielleicht radikalsten rationalistischen Gandhianer Indiens in den Sechziger- und Siebzigerjahren waren sicherlich Jayaprakash Narayan und Ram Manohar Lohia, die beide eine politische Sozialisation innerhalb der Sozialistischen Partei (SP) Indiens durchliefen, bevor sie der Parteipolitik den Rücken kehrten und in die gewaltfreie Widerstandsbewegung eintauchten. Auch hat es produktive Verbindungen gandhianischer und ehemals maoistischer Aktivist*innen in den Bewegungen gegen Riesen-Staudämme, etwa der Bewegung an der Narmada, gegeben. (6) Ex-Maoisten wie der 2009 verstorbene Maoist Kandalla Balagopal oder der Aktivist Jogin Sen Gupta, der sich nach selbstkritischer Aufarbeitung seines früheren autoritären Maoismus im ersten Jahrzehnt des 21. Jahrhunderts in der indischen Tibet-Solidaritätsbewegung engagierte, haben eine Mischung aus gandhianischer Herrschaftskritik und maoistischen Bauernbewegungs-Ansätzen entwickelt. (7)

In den jüngeren Jahren des rasanten Aufstiegs der hindunationalistischen Partei BJP zur wiederholt gewählten Regierungspartei organisierten sich diese ökologischen und sozialen Bewegungen und Initiativen jenseits der marxistisch-leninistisch-maoistischen Parteien im indienweiten Verband der NAPM (National Alliance of People’s Movements). Diese wiederum bildete Netzwerke mit der weltweiten Bewegung für eine andere Globalisierung und beteiligte sich an der von den Zapatistas initiierten „People’s Global Action“-Bewegung. Aktiv war sie auch in den Prozessen um die weltweiten Sozialforen der Bewegung für eine andere Globaliserung, von denen eines der wichtigsten 2004 in Mumbai stattfand.

In Mumbai wurde der Mitorganisator Jai Sen vom „Indian Institute for Critical Action: Centre in Movement“ bekannt als jemand, der das Konzept des „Open Space“ als Form der Basisorganisierung anstelle von Parteien propagierte. Er verbreitete das Schlüsselwort vom „Networking“ als horizontal zu knüpfende soziale Beziehungen unter AktivistInnen weltweit, auch durch internationale Reisen von Aktivist*innen und gegenseitige Besuche.

Die neueste Entwicklung innerhalb des indischen Anarchismus war Anfang 2017 die Gründung einer Indian Anarchist Federation (IAF). Sie unterhält eine Seite auf Facebook sowie einen Blog unter dem Namen „The Coming Anarchy“. Sie publiziert außerdem eine Zeitung in Papierform, Azadi (Freiheit), die im Dezember 2017 ihre 4. Ausgabe veröffentlichte. Sie war gleichzeitig eine Sonderausgabe zu „Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft“ des indischen Anarchismus, deren Hauptartikel den Titel „Acharya, Singh and Gandhi“ trägt. (8) Die Föderation scheint offen zu sein für die verschiedenen Strömungen des Anarchismus und versucht besonders, Verbindungen zur neuen indischen Frauenbewegung herzustellen, die angesichts einer Gruppenvergewaltigung in einem Bus in Delhi im Dezember 2013 erstarkte. In den ersten Monaten 2018 umfassten die auf der Website aufgeführten Aktivitäten Infos über „Anarchist Reading Groups“ in Bhopal und Delhi, die anarchistische Klassiker lesen; Berichte über antifaschistische Aktionen in Indien; eine Solidaritätsdemo für hungerstreikende Knastgefangene in Kalikata/Calcutta; den Widerstand gegen ein Regierungsprojekt zur Erfassung biometrischer Daten, dessen Umsetzung für Millionen den Ausschluss von sozialen Dienstleistungen bedeutet; sowie die Vorbereitung und Durchführung einer Veranstaltungsreihe „Was ist Anarchosyndikalismus“, für die ein anarchistischer Genosse aus Australien eingeladen wurde und durch Indien tourte. Überhaupt existieren viele internationale Kontakte und Exil-InderInnen mit libertären Sympathien beteiligen sich an den Diskussionen.


(1) Alle Angaben zur Phase der indischen „Propaganda der Tat“ vgl. Maia Ramnath: Decolonizing Anarchism, AK Press, Oakland/Edinburgh 2011, S. 45-77, für Har Dayal S. 80-109 sowie für Bhagat Singh S. 145-162. Zu Bhagat Singh vgl. Bhagat Singh: Pourquoi je suis athée, Éditions De L’Asymétrie, Toulouse 2016.

(2) Zu Acharya siehe Maia Ramnath, ebenda, a.a.O., S. 125-145, darin auch zu Lovtala, S. 134-145.

(3) Henry David Thoreau: Über die Pflicht zum Ungehorsam gegen den Staat, im Original 1849 veröffentlicht, hier 19. Aufl., Diogenes, Zürich 2010.

(4) Diesen Ansatz eines androgynen und erst dadurch anti-kolonialen Wertekanons bei Gandhi entwickelte Ashis Nandy in seinem Buch Der Intimfeind. Verlust und Wiederaneignung der Persönlichkeit im Kolonialismus, Verlag Graswurzelrevolution, Nettersheim 2008.

(5) Vgl. Gora (Abk. für Go. Ra. Rao): An Atheist with Gandhi, Navajivan Publishing House, Delhi 2003.

(6) Ajit Bhattacharjea: Jayaprakash Narayan. A Political Biography, Bell Books, Delhi 1975; Ajay Singh Almust: Lohia. The Rebel Gandhian, Mittal Publications, Delhi 1998; zum Narmada-Widerstand: Ulrike Bürger: Staudamm oder Leben! Indien: Der Widerstand an der Narmada, Verlag Graswurzelrevolution, Heidelberg 2011.

(7) Zu Balagopal vgl. Maia Ramnath: Decolonizing Anarchism, a.a.O., S. 217-221. Zum Text von Jogin und seiner „Calcutta-Freundschaftsgruppe“: „Der Herrschaftsvirus. Ein Problem der sozialen Bewegungen – nicht nur – in Indien“, in: Graswurzelrevolution (Hg.): Das andere Indien. Anarchismus, Frauenbewegung, Gewaltfreiheit, Ökologie, Verlag Graswurzelrevolution, Heidelberg 2000, S. 27-149.

(8) Die Ausgabe ist aus dem Internet herunterladbar, siehe: https://libcom.org/library/azadi-volume-1-issue-4-december-2017-indian-anarchistfederation .

 

Rezensionen

Ein sanfter Freiheitskämpfer

Lou Marin stellt Mahatma Gandhi als einen Anarchisten der anderen Art vor

Der Titel macht neugierig: Mohandas Karamchand Gandhi ein Anarchist? Seine Rede zur Einweihung der Hindu-Universität von Benares am 6. Februar 1916, in dem von Lou Marin herausgegebenen Band erstmals in deutscher Übersetzung veröffentlicht, ist titelgebend.

Beim Festakt, auf dem auch der britische Vizekönig anwesend war, nannte Gandhi es »beschämend«, zu seinen Landsleuten in einer Sprache sprechen zu müssen, die ihm und ihnen fremd war. Der studierte Jurist, der gerade aus Südafrika zurückgekehrt war, wo er sich erste Sporen als Anwalt verdient hatte und politisiert worden ist, sprach weiter Klartext: »Kein Papier, keine Deklaration wird uns je Selbstregierung bescheren.« Diese müssten sich die Inder selbst erstreiten. Sein Hinweis, »dass das heutige Indien in seiner Ungeduld eine Armee von Anarchisten hervorgebracht hat«, kam einer Drohung an die Kolonialmacht gleich. Einer Kampfansage seine Worte: »Lasst uns frei und offen sagen, was immer wir unseren Regierenden sagen wollen, und lasst uns den Folgen entgegensehen, wenn es ihnen nicht gefällt.« Und dann schließlich das frappierende Bekenntnis: »Ich selbst bin Anarchist, aber von einer anderen Art.«

In einem Artikel für die Zeitung »Young India« vom 2. Juli 1931 unter der Überschrift »Macht ist keines unserer Ziele« berief sich der sanfte Freiheitskämpfer auf die vitale Kraft von »Satyagraha«, sein schon in Südafrika entwickeltes Konzept der Gewaltlosigkeit. Es wurde zur Losung für Millionen Inder im Ringen um Unabhängigkeit. Unvergessen der Salzmarsch der Hunderttausenden von Ahmedabad nach Dandi gegen das britische Salzmonopol im März/ April 1930, zu dem Gandhi als Kampagne des zivilen Ungehorsams aufgerufen hatte.

Das dritte hier abgedruckte Dokument, ein am 28. August 1940 in der Zeitung »Haraijan« veröffentlichtes Interview, offenbart die Vielfalt gewaltfreier Aktionen, die Gandhi im politischen wie privaten Bereich zur Erlangung von Selbstbestimmung, Emanzipation und Freiheit vorschwebten. Es muss ihn zutiefst geschmerzt und entsetzt haben, als unmittelbar nach der Ausrufung der Unabhängigkeit, mit der Teilung des Subkontinents in zwei Staaten, Indien und Pakistan, mörderische Gewalt zwischen Hindus und Muslims ausbrach.

Ein halbes Jahr später, am 30. Januar 1948, wurde der Friedensstreiter und Friedensstifter selbst Opfer von Hass – erschossen von einem fanatischen Hindu.

Den Selbstzeugnissen Gandhis lässt Lou Marin einen Exkurs über den Anarchismus in Indien folgen. Zwei Strömungen standen sich gegenüber: zum einen jene in europäischer Tradition mit gewaltsamen Attentaten, zum anderen die indigene, die durchaus auch an amerikanische und europäische Vorbilder anknüpfte, etwa an Henry David Thoreau oder den Russen Leo Tolstoi, mit dem Gandhi in Briefwechsel stand. Gandhis Anarchismus, so der Herausgeber und Autor dieses Bandes, sei nie rein religiös motiviert gewesen, wie hierzulande vielfach vermutet.

»Es geht nicht darum, Gandhi als Heroen darzustellen«, schreibt Lou Marin – und jeder, der sich in der Biografie des Mahatma (Große Seele) einigermaßen auskennt, weiß, dass dieser in der Jugend ziemlich über die Stränge schlug. Lou Marin verteidigt seinen Protagonisten aber gegen Rassismusvorwürfe bezüglich dessen Einstellung zum Zulu-Aufstand 1906 in Südafrika, als dieser in einem Sanitätskorps diente. Nelson Mandela habe Gandhi stets als Inspiration im antirassistischen Kampf gewürdigt. Und: In Gandhis Ashrams lebten Hindus, Muslims, Buddhisten, Sikhs und Juden friedlich zusammen. Lou Marin wehrt ebenso Antisemitismusanschuldigungen ab, die mitunter gegen Gandhi erhoben wurden. Gemeinsam mit Jawaharlal Nehru habe er in Europa von den Nazis verfolgte Juden in Indien Zuflucht gewährt.

Das verdienstvolle, vollauf gelungene Anliegen von Lou Marin ist es, Gandhis gewaltfreien Widerstand als Vorbild für heutige Kämpfe, sei es gegen Kriege und Kriegsgefahren, sei es gegen soziale Missstände, zu aktivieren.

Karlen Vesper
erschienen in: neues deutschland, 15. Oktober 2019