War Resisters' International (Hg.)

Handbuch für gewaltfreie Kampagnen

18,90

Eine soziale Umwälzung passiert nicht einfach so. Sie ist das Ergebnis der Arbeit engagierter AktivistInnen, die für eine Welt der Gerechtigkeit und des Friedens kämpfen. Aktionen für soziale Gerechtigkeit gut vorzubereiten, ist der Schlüssel zum Erfolg.

Beschreibung

War Resisters‘ International (Hg.)
Handbuch für gewaltfreie Kampagnen

256 Seiten, 28 Fotos, 25 Abbildungen (Tabellen/Grafiken), 18,90 Euro
ISBN: 978-3-939045-32-8

Eine soziale Umwälzung passiert nicht einfach so. Sie ist das Ergebnis der Arbeit engagierter AktivistInnen, die für eine Welt der Gerechtigkeit und des Friedens kämpfen. Aktionen für soziale Gerechtigkeit gut vorzubereiten, ist der Schlüssel zum Erfolg. Dieses Handbuch führt Erfahrungen von gewaltfreien Kampagnen in verschiedenen sozialen Zusammenhängen und unterschiedlichen Ländern der Welt zusammen. Es zeigt, wie

  • Strategien für gewaltfreie Kampagnen entwickelt und
  • wirksame gewaltfreie Aktionen vorbereitet werden (inkl. Checklisten),
  • gewaltfreies Verhalten eingeübt wird (inkl. Prozesse der Gruppendynamik und der Gender-Problematik).
  • Fallbeispiele aus verschiedenen Ländern schildern erfolgreiche gewaltfreie Kampagnen unter spezifischen gesellschaftlichen Bedingungen.

Auch wenn es nicht das eine garantiert wirksame Rezept für den Erfolg gewaltfreier Aktionen und Kampagnen gibt, bietet dieses Handbuch viele hilfreiche praktische Hinweise. AktivistInnen können sie nutzen, um ihre eigene Kampagne aufzubauen. 50 Autorinnen und Autoren des Netzwerks der antimilitaristischen Internationale War Resisters‘ International (WRI) haben an diesem Handbuch mitgewirkt. Sie kommen aus Australien, Belgien, Großbritannien, Kolumbien, Chile, der BRD, Italien, Israel, Südkorea, Skandinavien, Spanien, der Türkei und den USA.

Inhaltsverzeichnis

Vorwort der Übersetzer zur deutschen Ausgabe
Über dieses Handbuch

1 Einführung in die Gewaltfreiheit
1.1 Was ist Gewaltfreiheit und warum sollte man sie nutzen?
1.2 Historische Beispiele von gewaltfreien Aktionen
1.3 Training in Gewaltfreiheit
1.4 Gender und Gewaltfreiheit
1.5 Gewalt
1.6 Konflikt
1.7 Gewaltfreiheit und Macht

2 Strategien für Kampagnen entwickeln
2.1 Warum es nicht einfach so passiert?
2.2 Planung gewaltfreier Kampagnen
2.3 Konstruktives Programm
2.4 Theorien des Wandels
2.5 Eskalationsstufen bei einer gewaltfreien Kampagne
2.6 Aktionsplan für soziale Bewegungen
2.7 Erziehung ist Freiheit: Emanzipatorische Pädagogik (Volksbildung)
2.8 Mobilisierung für den Wandel: Aufbau von Macht in Nepal

3 Effektive Aktionen organisieren
3.1 Die Protestbotschaft verbreiten
3.2 Arbeiten in Gruppen
3.3 Konsensfindung
3.4 Aufrechterhaltung von Gewaltfreiheit während einer Aktion
3.5 Angst
3.6 Stressbewältigung im Widerstand
3.7 Aktivismus in unterdrückerischen Regimen: Einige Lektionen aus Südafrika
3.8 Humor und gewaltfreie Kampagnen
3.9 Formen gewaltfreier Aktion
3.10 Taktikstern
3.11 Rollen vor, während und nach einer Aktion
3.12 Dilemma-Aktionen
3.13 Medien
3.14 Rechtshilfe
3.15 Unterstützung im Gefängnis (Erfahrungen aus Spanien)
3.16 Aktionsauswertung

4 Fallstudien: Geschichten und Erfahrungen
4.1 Internationale Solidaritätskampagne mit Südafrika
4.2 Seabrook-Wyhl-Marckolsheim: Grenzüberschreitende Verbindungen in einer Kette von Kampagnen
4.3 Chile: Gandhis Einsichten gaben Menschen den Mut, Chiles Diktatur herauszufordern
4.4 Südkorea: Die Macht internationaler Solidarität
4.5 Südkorea: Soziale Medien bei gewaltfreien Kampagnen
4.6 Kolumbien: Die Friedensgemeinschaft von San José de Apartadó
4.7 Türkei: Aufbau einer gewaltfreien Kultur
4.8 ANFEM (Antimilitaristische Feministinnen)
4.9 Castor: Wie wir Menschen zum zivilen Ungehorsam mobilisierten
4.10 Freiheitsflotte nach Gaza: Eine Dilemma-Aktion
4.11 Israel: New Profile lernt von den Erfahrungen anderer
4.12 Die Verbindung von Queer und Antimilitarismus
4.13 Gewaltfreie Intervention in Kenia: Eine Gemeinschaftsaktion für soziale Gerechtigkeit
4.14 West Papua: „Wir werden frei sein“
4.15 Afghanistan: Handbuch für Gewaltfreiheit
4.16 Diaspora-Solidarität für Eritrea: Die „Arbi Harnet“-Kampagne

5 Training und Übungen
5.1 Aufgaben und Instrumente, ein Training zu organisieren
5.2 Parallele Linien (Streit-Linien)
5.3 Brainstorming
5.4 Der Fluss des Lebens: Die Gender-Brille
5.5 Sich die Zukunft vorstellen: Ziele setzen
5.6 10/10 Strategien
5.7 Der Problembaum / Der gesunde Baum
5.8 Die Säulen der Macht
5.9 Die Blume der Macht
5.10 Brief aus einem Gefängnis in Birmingham
5.11 Riskante Situationen
5.12 Das Spektrum der Verbündeten
5.13 Baum und Wind
5.14 Entscheidungsfindung
5.15 Ich könnte das tun, wenn …
5.16 Rollenspiele
5.17 Das Positionsbarometer (Spektrum und Kreuzspektrum)
5.18 „Ist das berichtenswert?“
5.19 Forumtheater
5.20 Wer hat in der Schule das Sagen?
5.21 Techniken für Zentrierung, Schutz und Blockade

6. Gestaltet euer eigenes Handbuch

7. Wörterverzeichnis

8. Literaturliste & Internet-Links

Leseprobe

Über dieses Handbuch

Die WRI, die Internationale der KriegsgegnerInnen, ist ein auf wechselseitige Unterstützung gegründetes Netzwerk, in dem wir uns zur Seite stehen und voneinander lernen. Unser Handbuch für gewaltfreie Kampagnen ist ein lebendiges Beispiel für die Stärke und Breite dieses Netzwerkes.

Basisgruppen aus unterschiedlichen Bewegungen äußerten Bedarf an Materialien zur Gestaltung von gewaltfreien Kampagnen und so gab die WRI 2009 die erste Ausgabe dieses Handbuchs (in englischer Sprache) heraus. Die generationenübergreifenden Erfahrungen vieler AktivistInnen aus den verschiedensten Ländern gingen in das Handbuch ein. Nach der Veröffentlichung kamen wertvolle Rückmeldungen von lokalen Gruppen und von Menschen, die das Handbuch in ihre jeweiligen Muttersprachen übersetzt hatten. Als wir die erste Ausgabe veröffentlichten, dachten wir, dass Menschen daraus vielleicht einzelne Kapitel nutzen oder übersetzen würden. Zu unserer Überraschung wurde in den folgenden Monaten und Jahren das gesamte Buch in mehr als 10 Sprachen übersetzt. Einige dieser Übersetzungen wurden gerade fertiggestellt, als wir mit dieser zweiten Ausgabe in den Druck gingen.

Indem wir unsere Erfahrungen miteinander teilen und uns in der WRI gegenseitig unterstützen, erleben wir die Kraft der gewaltfreien Aktion. Gewaltfreie Aktionen zeigen sich oft in sehr eindrucksvollen Bildern. Die Fähigkeit, ein Problem zu dramatisieren ist in der Tat eine der Stärken der Gewaltfreiheit. Sie ermöglicht Menschen, Dinge zu sehen, die ansonsten vielleicht unbemerkt geblieben wären und regt sie zum Handeln an. Aber diese Dramatisierungen geschehen nicht von selbst. Sie reifen und entwickeln sich in Gruppen oder kleinen Zellen von AktivistInnen mittels Diskussionen, in Trainings oder durch die gemeinsame Reflexion früherer Erfahrungen, indem sie Strategien entwickeln, experimentieren oder auch, indem sie neue Kontakte knüpfen. Daher basiert dieses Handbuch auf dem, was Gruppen geplant haben und wie sie es durchführten. Wir möchten hier kein allgemeingültiges Modell präsentieren, sondern wir beschreiben Methoden, die in verschiedenen Kontexten hilfreich waren und die jetzt von kreativen, gewaltfreien AktivistInnen an ihre jeweiligen Situationen angepasst werden können.

Dieses Handbuch ist ein fortlaufendes Projekt innerhalb der WRI. Wir sehen diese Ausgabe nicht als Selbstzweck, sondern sie spiegelt ebenso unsere Gedanken und die Erfahrungen mit der ersten Ausgabe und ihren Übersetzungen wieder wie auch die Entwicklungen gewaltfreier Kampagnenarbeit in unseren Netzwerken während der Zeit, in denen diese Ausgabe neu konzipiert wurde. Die Druckversion des Handbuchs haltet ihr in Händen, den kontinuierlichen Austausch und die gemeinsame Nutzung von Materialien zu gewaltfreien Kampagnen findet ihr auf unserer Webseite.

Diese 2. Auflage lehnt sich stark an die erste Auflage an. Manche Inhalte sind gleich geblieben, aber es gibt auch eine Menge an neuem oder überarbeitetem Material. Eine erste und deutliche Veränderung besteht darin, dass wir das Buch neu strukturiert haben; um es einfacher nutzen zu können, besteht es aus fünf Kapiteln. Im ersten Teil „Einführung in Gewaltfreiheit“ beschreiben wir, was wir unter Gewaltfreiheit verstehen. Es umfasst neues Material zu den Begriffen von Gewalt und Konflikt und der Rolle der Macht, wenn wir mit Konflikten umgehen. Wir betrachten Macht und Konflikt nicht als negative Phänomene an sich, sondern es kommt darauf an, wie man mit ihnen umgeht.

Der Abschnitt zu Gender wurde komplett neu geschrieben und reflektiert die Entscheidung der WRI, neben der WRI-Frauen-AG eine Queer-Arbeitsgruppe zu gründen, um die binäre Haltung zu Männern und Frauen herauszufordern. Es betrachtet auch, wie wir, als gewaltfreie AktivistInnen, unser Handeln und unsere Haltungen auf allen Ebenen gestalten.

Das zweite Kapitel trägt den Titel „Strategische Kampagnen entwickeln“ – wobei die Betonung auf „strategisch“ liegt. Darin gibt es einige neue Themen, z.B. „Was macht eine Kampagne oder eine Gruppe strategisch?“, die Erfahrungen aus der Landrechte-Kampagne in Nepal sowie einen Abschnitt über Pädagogik der Befreiung. Das dritte Kapitel „Effektive gewaltfreie Aktionen organisieren“ umfasst eine Fülle an Material, um effektive gewaltfreie Aktionen zu planen, z.B. zum Umgang mit Angst bei Aktionen und einen Text zu Dilemma-Aktionen.

„Fallstudien: Geschichten und Erfahrungen“ ist die Überschrift des vierten Kapitels mit überarbeiteten und neuen Fallbeispielen, die uns die Stärke und Unterschiedlichkeit von gewaltfreien Aktion illustrieren. Und abschließend, im fünften Kapitel, „Training und Übungen“, finden sich Übungen und Hinweise für Trainingsworkshops zur Gewaltfreiheit. Diese Übungen können Gruppen helfen, ein tieferes Verständnis bezüglich einer Fragestellung zu erlangen oder einander besser kennenzulernen. Dies unterstützt sie darin, bei der Durchführung von gewaltfreien Aktionen und Kampagnen effektiver zu werden.

Wir verstehen dieses Handbuch als Teil eines lebendigen Prozesses und wir hoffen, dass LeserInnen weiterhin die Inhalte aufgreifen, sie überarbeiten oder übersetzen. Vielleicht sind das Glossar und das Quellenverzeichnis hilfreich.

Am Anfang vieler Abschnitte befinden sich Verweise auf andere Teile des Handbuchs. Diese Verweise können dazu genutzt werden, die eher theoretischeren Teile mit praktischen Anwendungen zu verbinden oder auch, um Fallstudien oder Übungen zu ergänzen. So wird deutlich, wie Theorien und Konzepte in der Praxis Anwendung finden.

In der WRI versuchen wir, möglichst viele Ressourcen zu erschließen, damit andere Menschen z.B. aus euren Erfahrungen mit gewaltfreien Kampagnen und Aktionen Nutzen ziehen können. Das Quellenverzeichnis illustriert, in welchem Umfang Menschen und Gruppen bereit sind, ihre Gedanken zu gewaltfreien Aktionen weiterzuentwickeln. Wir hoffen, dass wir mit diesem Handbuch zu dieser gemeinsamen Arbeit beitragen werden.

Rezensionen

Contraste
Soziale Verteidigung
friedlicht

Gewaltfreie Kampagnen – Trainings und Übungen

Ein Handbuch, wie es „im Buche steht“: Reich untergliedert mit vielen Querverweisen, voller Praxisbeispiele, ergänzt durch inhaltlich zugeordnete Literaturtipps, kurzum benutzer*innenfreundlich. Es basiert auf jahrzehntelangen Erfahrungen gewaltfreier Aktionsgruppen und Bewegungen aus aller Welt – von der Bürgerrechtsbewegung in den USA über die Anti-Apartheid-Bewegung in Südafrika bis zum Widerstand gegen Castor-Transporte im Wendland oder dem Kampf gegen die indonesische Besatzung von West-Papua.

Es gibt Anleitungen und Anregungen für Trainings, etwa zur Konsensfindung, zum Umgang mit Ängsten, zu unterschiedlichen Rollen vor, in und nach Aktionen sowie zur Rechtshilfe oder Aktionsauswertung.

Vorgestellt werden auch konkrete Übungen, die Aktivist*innen inspirieren können, ihre Wirksamkeit zu steigern. So helfen zuweilen Übungen weit im Vorfeld einer Aktion, die Teilnehmenden zu bestärken und effektiver werden zu lassen. Ein Beispiel dafür ist die „Blume der Macht“, die Gruppen hilft, sich selbst besser einzuschätzen und einzelne Teilnehmende zu empowern. Sie dient der Reflexion über gesellschaftliche Strukturen und zugleich der Rolle und Identität der Gruppenmitglieder in ihnen.

Um das Vertrauen innerhalb einer Aktionsgruppe wachsen zu lassen, empfiehlt sich die „Baum und Wind“-Übung: Eine Person steht in der Mitte eines Gruppenkreises, lässt sich mit geschlossenen Augen zur Seite fallen und von den anderen auffangen. Dies wird nacheinander von allen wiederholt; anschließend werden die Erfahrungen geteilt.

Die „Säulen der Macht“ können Möglichkeiten eröffnen, die Verwundbarkeit verschiedener Stützen einer Unrechtskonstellation zu erkennen und sie dadurch zu destabilisieren oder sogar zu knicken. Sieht man zum Beispiel, dass bestimmte Politiker*innen von Kriegsgewinner*innen unterstützt werden, kann die Publikation solcher Erkenntnisse ein effektiver Beitrag zur Delegitimierung einer Kriegsbefürwortung werden.

Augenöffnend kann auch die Übung zum „Spektrum der Verbündeten“ wirken. Ihr Zweck ist es zu lernen, Taktiken daraufhin abzuklopfen, inwiefern sie wichtige Verbündete gewinnen oder verprellen könnten und wie man Leute dazu bringen kann, aktive Verbündete zu werden.

Eine zentrale Rolle bei Widerstandsaktionen gegen Unrecht spielt die Erkenntnis, dass Herrscher abhängig sind von der Kooperation der Beherrschten. Deren Aufkündigung hat immer wieder Umwälzungen befördert.

Auch in Aktionsgruppen bilden sich leicht ähnliche Dominanzstrukturen heraus. „Genderbewusstsein“, heißt es im Kapitel über Gender und Gewaltfreiheit, „hilft uns sicherzustellen, dass wir nicht die gleichen Ungerechtigkeiten aufrechterhalten, die wir mit unseren gewaltfreien Aktionen und Kampagnen stoppen möchten“.

Ariane Dettloff
erschienen in: Contraste 406, Juli 2018

Handbuch für gewaltfreie Kampagnen

Eine soziale Umwälzung passiert nicht einfach so. Sie ist das Ergebnis der Arbeit engagierter Aktivist*innen, die für eine Welt der Gerechtigkeit und des Friedens kämpfen. Diese Arbeit entwickelt sich innerhalb von Aktionsgruppen oder Freundeskreisen, in Diskussionen, in Trainingsseminaren, im Aufarbeiten vergangener Erfahrungen, in strategischen Planungen, im Experimentieren und im Lernen von anderen. Unsere Aktionen für soziale Gerechtigkeit gut vorzubereiten, ist der Schlüssel zum Erfolg.

Dieses Handbuch führt Erfahrungen von gewaltfreien Kampagnen in verschiedenen sozialen Kontexten und unterschiedlichen Ländern der Welt zusammen.

Es beinhaltet Themenblöcke, in denen

  • Strategien für gewaltfreie Kampagnen entwickelt werden;
  • gezeigt wird, wie wirksame gewaltfreie Aktionen vorbereitet werden (inkl. Checklists);
  • Tipps zu finden sind, wie gewaltfreies Verhalten eingeübt wird (inkl. Prozesse der Gruppendynamik und der Gender-Problematik);
  • Fallbeispiele aus verschiedenen Ländern über erfolgreiche gewaltfreie Kampagnen unter spezifischen gesellschaftlichen Bedingungen informieren.

Auch wenn es nicht das eine garantiert wirksame Rezept für den Erfolg gewaltfreier Aktionen und Kampagnen gibt, dient dieses Handbuch gleichwohl als Quelle hilfreicher praktischer Hinweise. Aktivist*innen können sie nutzen, um ihre eigene Kampagne aufzubauen, sie für ihren eigenen Kontext und entlang ihrer Bedürfnisse zu konzipieren sowie sie möglichst wirkungsvoll umzusetzen.

Dieses Handbuch birgt einen Fundus kollektiver Erfahrungen von Aktivistinnen innerhalb des Netzwerks der War Resisters‘ International (WRI). 50 Autor*innen haben an diesem Handbuch mitgewirkt. Sie kommen aus Australien, Belgien, Großbritannien, Kolumbien, Chile, der BRD, Italien, Israel, Süd-Korea, Skandinavien, Spanien, der Türkei und den USA.

Christine Schweitzer
erschienen in: Soziale Verteidigung, BSV-Rundbrief, Nr. 4/2017

Handbuch für gewaltfreie Kampagnen – eine kurze Rezension

Gewaltfreiheit – eine der Maximen des Handelns der DFG-VK Gruppe Mainz, kommt nicht von ungefähr. Jede Kampagne für sich muss geplant und reflektiert werden. Sei es etwas vermeintlich „Banales“ wie der jährlich wiederkehrende Ostermarsch, Aktionen in Büchel, an denen sich unsere Gruppe beteiligt, oder eher kurzfristig zu planende Proteste wie z.B. gegen öffentliche Gelöbnisse oder Naziaufmärsche.

Das im Folgenden kurz beschriebene aber sehr umfassende Handbuch, ist uns dabei eine große Hilfe, besonders auch im Hinblick darauf, welche Kampagnen erfolgreich und welche leider weniger zielführend waren.

Das Handbuch für gewaltfreie Kampagnen, auf Englisch zuerst erschienen bei der War Resisters‘ International (WRI) – also der Internationalen der KriegsdienstgegnerInnen, beschäftigt sich nicht nur mit konkreten Kampagnen. Die deutsche Übersetzung und Erweiterung zeichnet darüber hinaus die Geschichte gewaltfreier Bewegungen auf, ihre vielfältigen Aktionsformen, deren Vor- und Nachbereitungen und ebenso, da sind die AutorInnen sehr ehrlich, eben auch das Scheitern einzelner Kampagnen.

Joanne Sheehan schreibt gleich zu Beginn des Buches: „Unsere Arbeitsdefinition von Gewaltfreiheit beruht aufder Sehnsucht, aller Gewalt ein Ende zu bereiten, ohne weitere Gewalt zu verursachen; dies schließt physische Gewalt ebenso ein wie sogenannte ‚strukturelle‘ und ‚kulturelle‘Gewalt.“

Über 50 transnationale AutorInnen zeichneten hier nicht nur Ihre Erfahrungen mit den diversen Kampagnen auf, sondern berichteten auch über Ihre Trainings und unterschiedlichen Aktionsformen.

Gewaltfreiheit ist ein Konstrukt, welches in fast keiner Gemeinschaft fest verankert ist. Gandhi hat mit seinem „Salzmarsch“ tausende, heute wahrscheinlich Millionen Menschen von dem Konzept überzeugen können. Heute jedoch, und auch das zeigt das Buch eindeutig auf, sind nicht charismatische Einzelgänger gefragt, deren Konzepten und Aktionsformen unhinterfragt gefolgt wird. Möglichst von Beginn an gendergerechte, partizipative und pro-aktive Formen der Kommunikation stellen sich laut den AutorInnen in vielen Bereichen als das Mittel heraus, um die vorher definierten Aktionszielezuerreichen.

Und hier wird das „Handbuch“ sehr praktisch: Es gibt ganz eindeutige, manchmal sogar 1:1 übersetzbare Handlungsanweisungen. Natürlich lässt das Buch genug Spielraum, um es deneigenenAktionsplänenanzupassen.

Gerade darauflegt das Buch einen besonderen Schwerpunkt. Trotz aller weltweit vorgestellten und gelungenen Kampagnen geht es auch immer um die Psychohygiene der an der Kampagne beteiligten AktivistInnen. Aktionsplan, Aktionsziel und die Nachbearbeitung der Kampagnen sollten daher immer als Einheit verstandenwerden.

Nicht zu kurz kommt in diesem Handbuch auch der Einfluss der Medien, der auf keinen Fall missachtet werden sollte. Als wichtig wird in dem Buch beschrieben, Pressekontakte zu haben, diese Kontakte zu halten und natürlich eigene Medienstrukturen zu bilden. Für Deutschland stehen hier an erster Stelle Publikationen wie die Graswurzelrevolution, die taz und die Junge Welt. Nicht zu vergessen sind niedrigschwellige Angebote wie indymedia, freie Radios, Offene Kanäle im Fernsehen und die bekannten sozialen Medien. Auf lokaler Ebene, also speziell hier für unsere DFG-VKGruppe in Mainz, sind dies die Allgemeine Zeitung und im besonderen der SWR, der uns schon bei einigen Protesten und Demonstrationen begleitet und uns so zu einer größeren Öffentlichkeit verholfen hat.

Das Handbuch für gewaltfreie Kampagnen bietet einen sehr umfassenden Überblick über die Geschichte der Gewaltfreiheit, deren Umsetzung und manchmal auch die Grenzen bestimmter Aktionsformen.

Es macht Mut, das eigene Engagement zu hinterfragen, Schwerpunkt der eigenen, vielleicht eingefahrenen Aktionsweisen immer wieder zu hinterfragen und zu versuchen, sich konsensuell, solidarisch und natürlich gendergerecht zu verhalten.

Jeder Artikel wird unterstützt durch entsprechende Quellen und Hinweise auf weiterführende Texte.

Herausgeber ist die War Resisters‘ International; Erschienen ist das Buch im Verlag Graswurzelrevolution. 256 S., 28 Fotos, 25 Abb. 18,90€, ISBN978-3-939045-32-8

Wen das Buch weitergehend interessiert, trifft uns, also VertreterInnen der DFG-VK, der Zeitschrift Zivilcourage, sowie des Verlages Graswurzelrevolution bei der Mainzer Minipressen-Messe, der 25. Internationalen Buchmesse der Kleinverlage und Künstlerbücher vom 30. Mai bis 2. Juni 2019 in der Rheingoldhalle.

Für den 1. Juni ist dort eine Lesung aus dem Buch geplant. Leider standen zum Redaktionsschluss des Friedlichts die Uhrzeit und der Ort noch nicht fest. Demnächsthier: www.dfg-vk-mainz.de

Tina Gewehr
erschienen in: Friedlicht, Informationsblatt der DFG-VK Mainz, Nr. 63