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Nestor Machno – Zwischen Anarchie und Gewalt

Rezension

| Mathias Schmidt

Als überzeugter und gesprächsfreudiger Anarchist wird einem häufiger die Frage gestellt, wo denn eine Anarchie jemals funktioniert habe. Dazu finden sich im deutschsprachigen Raum einige gebetsmühlenhaft angeführte Beispiele als Standardantworten: Spanien während des Bürgerkrieges, heutige Zapatisten in Mexiko und die Machnowtschina in der Ukraine sind gern erwähnte Exempel einer anarchistischen Praxis.

Während man sich vor Literatur über den spanischen Bürgerkrieg aus anarchistischer Perspektive kaum retten kann, ist die ukrainische Machnowtschina relativ unbekannt. Umso erfrischender ist es, dass Mark Zak mit seinem Werk „Erinnert euch an mich. Über Nestor Machno“ diese Lücke ein wenig schließt. Gewiss, es handelt sich hier um ein Portrait des ukrainischen „Anarchistenführers“ Nestor Machno und nicht um eine Analyse des bäuerlich- anarchistischen Zusammenlebens der Jahre 1917-1922. Dennoch lässt das Buch viele Einblicke in das praktische Zusammenleben einer Gesellschaft zu, die sich gegen den ukrainischen Nationalismus ebenso abgrenzt, wie gegen den sowjetischen Kommunismus.

Das Buch ist flott und freundlich geschrieben. Ellenlange historische Abhandlungen sucht man hier vergebens. Das hat auch mit der Erzählweise zu tun: Zak lässt die Personen durch Tagebucheinträge, Briefe und Aufzeichnungen direkt zu Wort kommen. Dadurch kommt es zu erfrischenden Perspektivwechseln. Aus der damit einhergehenden Subjektivität dieser Geschichtsschreibung macht Zak keinen Hehl.

Nestor Machno wird von seinen Zeitgenossen als ambivalenter Charakter gezeichnet. Ihm werden wiederholt bäuerliche Einfachheit, Aufrichtigkeit und an Heldentum grenzender Mut zugeschrieben. Übergriffe auf wehrlose Personen und „unanarchistisches“ Gebaren seiner Mitstreiter soll er rigoros geahndet haben. Gleichzeitig sei er selbst ein durchweg gewalttätiger Mensch, welcher im Zorn auch mal einen Geistlichen im Kessel einer Lokomotive verbrennen lasse.

Dadurch wird die Person Machnos nicht widersprüchlich, sondern durchaus glaubhaft dargestellt. Immerhin ist die Machnowtschina nicht nur eine soziale Bewegung, sondern auch eine militärische Einheit mit allen damit für Anarchisten schwierigen Begleiterscheinungen gewesen. Hier wird kein sagenumwobener Held herbei geschrieben, sondern der Weg eines rastlosen Mannes gezeichnet, der sich im Spannungsfeld von Gewalt und Anarchie bewegt und letztendlich ins Exil gezwungen wird. Vor dem gegenwärtigen bewaffneten Konflikt in der Ukraine ist das Werk ungeahnt aktuell und lesenswert.

Mathias Schmidt

Mark Zak: Erinnert euch an mich. Über Nestor Machno. Edition Nautilus, Hamburg, 2018. ISBN 9783960540854

 

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