Filmreview

Die Gewalt in der Welt

Neu im Kino: Destroyer

| Nicolai Hagedorn

Erin Bell (Nicole Kidman) mit ihrer kleinen Tochter Shelby (Kenley Smyth) - Foto: © 2018 Concorde Filmverleih GmbH

In "Destroyer" erzählt Regisseurin Karyn Kusama eine erdrückende Geschichte von einer kämpfenden Frau in einer gewaltsamen Welt.

© 2018 Concorde Filmverleih GmbH

Hollywood hat die Frauen entdeckt. Der Trend zu Protagonistinnen, die die üblichen Frauenklischeerollen nicht bedienen und selbstbestimmte Figuren sind, ist kaum zu übersehen. Wie schwer es den Produzenten und Regisseuren dabei fällt, vor allem optische Konventionen zu überwinden, ist zwar ebenfalls offensichtlich, mindestens Martin McDonaghs Mildred Hayes in „Outside Ebbing, Missouri“ hat sich aber bereits über übliche Schönheitsvorstellungen erhoben.

Nun ist die Verantwortliche für den Film „Destroyer“, Karyn Kusama („Girlfight“, „Aeon Flux“, „Jennifer´s Body“, „The Invitation“), auch eine Frau und was sie aus dem starken Thriller-Drehbuch der Herren Hay und Manfredi gemacht hat, ist bemerkenswert.

Erin Bell (Nicole Kidman) ist Polizistin in L.A. und soll einen Mordfall aufklären. Im Laufe der Ermittlungen wird sie von der eigenen Vergangenheit eingeholt. Eine Vergangenheit, in der sie als junge Frau und verdeckte Ermittlerin einen Kriminellen zur Strecke bringen sollte, der nun, nach Jahren wieder aufgetaucht ist. Sie hat damals eine Entscheidung mit unüberblickbaren Konsequenzen für ihr Leben getroffen.

Hauptdarstellerin Kidman, äußerlich bis zur Unkenntlichkeit verhärmt und gebrochen,  hastet voller Hass und Traurigkeit, erschöpft und meist betrunken von einem der ehemaligen Bandenmitglieder zum nächsten. Kusama erzählt dabei eine Geschichte aus einer harten, dumpfen Welt, in der die Menschen sich nur gewalttätig begegnen, wo jede Moral, jeder Ausweg in Richtung Nähe und Zuneigung versperrt ist oder verworfen wird. Wo aus Menschen abgekämpfte, eifersüchtige Monaden geworden sind. „Destroyer“ ist dabei weit entfernt davon, fantastisch oder dystopisch zu sein, vielmehr beharrt der Film auch visuell auf Realismus.

Dafür findet Kusama, vielleicht die größte Stärke des Films, eine Bildsprache, die mit dem erzählten Grauen fein korrespondiert – die optischen Unterschiede zwischen der Zeit vor ihrer unmoralischen Entscheidung, selbst kriminell zu werden und dem Danach, in dem sie die Konsequenzen daraus zu tragen hat, sind drastisch und dennoch liegt bereits in der noch ungebrochen schönen Erin eine  Dämmerung, die nicht nur auf das kommende Übel verweist, sondern zeigt, dass selbiges immer schon unter den Glücksversprechen der kapitalistisch zugerichteten Welt lauert. Bell trifft ihre Entscheidung selbst und unabhängig, das wird auch ausführlich gezeigt. Dass aber innerhalb der Filmwelt ihre Entscheidung logisch, gewissermaßen unumgänglich ist, verweist auf die Verantwortung der brutalen Verhältnisse darin.

Trailer zu Destroyer – Quelle: Youtube

Was also vordergründig als Sündenfall inszeniert ist, bleibt jeder religiösen Deutung entledigt, Kusama dekonstruiert vielmehr die fetischistisch-religiöse Erzählung, wonach Sünde und Buße im Verhältnis des Einzelnen zu einem eingebildeten Gott besteht. So sehr der Sündenfall-Topos auf persönliche Schuldzuweisung anspielt, so sehr verweist „Destroyer“ darauf, dass es die (kapitalistischen, gewalttätigen, patriarchalen) Verhältnisse sind, die dazu führen, dass Menschen jede Moral verlieren. Und darauf, dass das nicht so einfach wieder gut zu machen ist, insbesondere nicht für eine Frau. Kusama erzählt stringent aus einer weiblichen Perspektive. Die erlittenen Verletzungen und Demütigungen, die an Bells Körper als die Spuren sichtbar werden, die ihre Kämpfe in der feindseligen Männerwelt in ihrer Seele hinterlassen haben, machen aus dem hübschen weiblichen Kidman-Körper einen, der auch einem alkoholkranken Mann gehören könnte.

Erin (Nicole Kidman, r.) mit ihrer sechzehnjährigen, rebellischen Tochter Shelby (Jade Pettyjohn, l.) – © 2018 Concorde Filmverleih GmbH

So schlägt sich Kidman als verhärtete, zu allem bereite Polizistin, als Mutter, die alles daran setzt, das zerstörte Verhältnis zu ihrer Teenager-Tochter zu reparieren und zugleich jeder Illusion und Hoffnung beraubte Frau durch „Destroyer“, ohne dass der Film irgendwelche Gefangenen macht.

Die einzige Person, deren Nähe Erin sucht, ist Tochter Shelby (Jade Pettyjohn), doch auch dieser Weg ist versperrt.

Der besondere Dreh dabei ist, dass hier nicht so getan wird, als ob eine Frau innerhalb der männlich-gewalttätigen Strukturen einfach „zum Mann“ oder „erfolgreich“ werden kann, indem sie einen „Männerjob“ macht oder „gewalttätig wie ein Mann“ agiert und aussieht, sondern dass sie für die Männerbündler immer Frau und damit auch Objekt bleibt. Um an Informationen zu kommen, muss sie einem todkranken Ex-Gangster einen runterholen, und bevor sie als verdeckte Ermittlerin eingesetzt wird, stellt einer der Polizeichefs fest: „Die wird gut aussehen neben unserem Jungen.“ In den sie sich dann verliebt – womit der ganze Schlamassel beginnt.

Regisseurin Kusama lässt ihre Protagonistin einmal sagen: „Ich möchte gern eine Sache gut machen.“ Das ist Kusama erneut gelungen: „Destroyer“ ist ein sehr schöner Film über eine sehr hässliche Welt.

Destroyer - Spielfilm USA 2019 - Regie: Karyn Kusama - mit Nicole Kidman, Sebastian Stan, Tatiana Maslany - 123 Min. - ab 14. 03. im Kino

Dies ist ein Beitrag der Online-Redaktion. Weitere Besprechungen von Büchern, Filmen und Musik finden sich in der Druckausgabe der GWR. Schnupperabos zum Kennenlernen gibt es hier.