so viele farben

Die Rassismus-Uhr steht niemals still

In der Kraft liegt der Weg - die Ruhe ist das Ziel

| Nele Müller

Kundgebung Gegen Rassismus
Kundgebung gegen Rassismus - Foto: Jan Große Nobis / r-mediabase.eu

Nachdem ich meine Rede auf der Black Lives Matter-Kundgebung am 6. Juni (1) gehalten habe, schien keine mir bekannte Person, der ich begegnete, in der Lage zu sein, mich auf etwas anzusprechen, das sich nicht auf das Thema Rassismus oder die Kundgebung im Speziellen bezog.

Wie ergreifend es gewesen sei, wie mutig ich war, wie beeindruckend die gesamte Veranstaltung überhaupt ablief, dass es wichtig sei sich zu erheben, sagte man mir, wie selten Achtsamkeit sei und wie sehr man sich selbst nun anstrengen werde, sich zu engagieren, gegen den Rassismus, versicherte man mir oder sich selbst, ich war mir nicht sicher. Ich nickte und lächelte. Ich bedankte mich. Ich umarmte oder schüttelte Hände. Ich fühlte mich für einige kleine Momente wichtig, als würde ich wirklich ernst genommen und als hätte ich etwas bewegt, wenn auch nur minimal. Ich fühlte mich geborgen, umgeben von wunderschönen, starken Persönlichkeiten, mit denen ich Seite an Seite stand und kämpfte. Ich spürte ein erstarkendes, kribbelndes Selbstbewusstsein, das mich für die Folgetage nachts besser schlafen ließ und empfand etwas mehr als Hoffnung. Etwas, das zu wenig war, um „Sicherheit“ genannt zu werden, aber schon aus dem Zustand des Hoffens herausgewachsen zu sein schien. Ich würde sagen, ich bin kurz geflogen. Weil ich dachte, dass die Menschen zuhören würden und beginnen zu begreifen.

Wie üblich flacht die achtsame Euphorie, der Hype, allmählich ab. Wenn man sich anstrengt kann man sie spüren, die Gewohnheit, ihr langsames Wiederkehren in den Alltag und mit ihr trete auch ich Stück für Stück meinen Landeanflug an. Ich komme zurück auf den Boden. Die Tatsachen sind wieder erkennbar für mich, die Hoffnung ist da und an ihr halte ich mich fest, der Kampf wirkt wieder groß und lang und öfter unüberwindbar, ich merke, dass ich unwichtiger bin als ich dachte. Ich bekomme das Gefühl, für den plakativen Tokenismus (2) meiner Weißen Mitmenschen auszureichen. Das wirklich auf dem Schirm haben und sofort an mich oder andere BIPoC-Aktivist:innen (3) denken, wenn etwas ansteht, wo unsere Expertise gebraucht wird, das tut offenbar doch keiner so richtig. Also schon ab und zu, vereinzelt, gefühlte ein bis zwei Tage vor dem jeweiligen Projekt. Und dann sind wir natürlich auch dabei.

Wir müssen uns anstrengen. Wir müssen laut bleiben. Wir müssen der Gewohnheit Einhalt gebieten. Wir müssen etwas dafür tun, gesehen zu werden. Es wird keinen Moment geben, an dem wir endgültig auf dem Radar existieren und unsere Arbeit ein Ende hat. Wir werden uns immer an der Peripherie der gesamtgesellschaftlichen Relevanz herumtummeln, wenn wir uns nicht von jetzt an und für immer dafür anstrengen und unaufhörlich in das Blickfeld der Gesellschaft rudern.

Ich stehe noch da, mit herausgestreckter Faust und um mich herum sind meine Geschwister mit ernster und krafterfüllter Miene und geben mir Mut. Ich spüre, dass meine Beine anfangen zu wackeln und mein Körper zittert. Darf ich mich ausruhen? Darf ich einen Tag nicht an die Arbeit denken? Muss ich ständig alle Postings auf Instagram verfolgen? Muss ich mich auf alle Gespräche und Diskussionen einlassen? – Nein, ich möchte nicht andauernd über meine Rassismuserfahrungen sprechen. Nein, du kannst nicht verstehen was ich empfinde. Nein, ich bin nicht zuständig für deine Absolution. Nein, der Rassismus in Amerika ist nicht der gleiche wie in Deutschland. Nein, es geht nicht darum, dass du meine Perspektive einnimmst und mich nachvollziehst. Ja, du musst deine Perspektive einnehmen und dich nachvollziehen. Ja, du musst deine Position in unserer rassistischen Gesellschaft begreifen und verstehen. Nein, es reicht nicht eine schwarze Kachel bei Instagram zu posten und auf eine Demo zu gehen. Ja, du bist rassistisch. Nein, dadurch bist du nicht ein ganz und gar schlechter Mensch. Ja, du musst dich anstrengen. Ja, ich darf zur Ruhe kommen.

Die Gewissheit, dass mir stets ein gewisses Maß an Unermüdlichkeit abverlangt wird und ich standhaft und ausdauernd sein muss, stark sein muss, erzählen muss, laut sein muss, weiter machen muss, verfolgt mich wie ein Schatten. Wie eine paranoide Angst, nachts auf dem Weg nach Hause. Ich habe das Verlangen weg zu laufen. Mich zu verkriechen, zu verschwinden. Und das darf ich.

Jede Person, die diesen Kampf kämpft und sich hingibt, darf sich ausruhen. Die Priorität liegt nicht in der ständigen Präsenz, nicht in dem up-to-date-sein, sondern in der Regeneration, in der eigenen Achtsamkeit. Um laut sein zu können, muss man tief Luft holen. Um die Faust in den Himmel zu strecken, braucht es Kraft. Um den Weg zu gehen und den Kampf zu kämpfen braucht es einen funktionstüchtigen Körper, keinen ausgebrannten. Es braucht Menschen, die gut tun und bestärken. Es braucht Ruhe um sich herum und noch mehr in sich selbst. Ich beginne das zu begreifen. Ich beginne zu schätzen, was mir gut tut und lerne mich gegen die Dinge zu wehren, die mich schwächen.

Der Schlüssel zur Hoffnung

Der Weg wird gegangen, egal was passiert. Ich kann versuchen, die Richtung zu verändern. Ich kämpfe dafür, die Richtung zu verändern. Die Herausforderungen wachsen, die Problematiken fächern sich auf, es wird ihnen begegnet, es wird eine Lösung gesucht, es wird sich engagiert.

Es wird sich vernetzt. Es wird sich organisiert. Es wird sich gegenseitig Ruhe zugesprochen. Es wird sich gegenseitig Wichtigkeit und Relevanz zugesprochen.

Darin liegt der Schlüssel, das ist meine Hoffnung.

Nele Müller

Anmerkungen:

1) Nele Müller hat als Referentin des autonomen BIPoC-Referats (Black People, Indigenous People and People of Color) am 6.6.2020 auf der Black-Lives-Matter-Kundgebung vor 3.000 Demonstrant*innen auf dem Schlossplatz Münster eine bewegende Rede gehalten, die wir in Auszügen in dieser GWR dokumentiert haben.

2) Als Tokenismus wird die Praxis bezeichnet, lediglich eine oberflächliche oder symbolische Anstrengung zu unternehmen, um Mitglieder einer Minderheit in Organisationen zu repräsentieren.

3) BIPoC = Black People, Indigenous People and People of Color.

Dies ist ein Beitrag aus der aktuellen Druckausgabe der GWR. Schnupperabos zum Kennenlernen gibt es hier.