denkmalsturz

Zum 150. Geburtstag von Lenin

Kritisches zum Jubiliar

| Heiko Bolldorf

Am 22. April 2020 wäre der marxistische Politiker Wladimir Iljitsch Lenin 150 Jahre alt geworden. Zu diesem Anlass sind leninistische Organisationen voll des Lobes für den einstigen Vorsitzenden der Bolschewiki-Partei und ersten Regierungschef der Sowjetunion. So sagt Gabi Fechtner, Vorsitzende der MLPD: „Lenin dagegen setzte sozialistische Planwirtschaft gegen kapitalistisches Krisenchaos. Er baute auf die Mobilisierung der Arbeiterschaft und der Massen statt bürokratischer Gängelung.“ (1). Ist dieses Bild gerechtfertigt?

Lenin und die Fabrikdisziplin

1901 notierte sich Lenin: „Der Anarchismus ist ein Produkt der Verzweiflung. Die Mentalität des aus dem Geleise geworfenen Intellektuellen oder des Lumpenproletariers, aber nicht des Proletariers.“ (2) Wie stellte Lenin sich den klassenbewussten Proletarier vor?

Schon in frühen Texten Lenins fällt die Verherrlichung von kapitalistischer Fabrikdisziplin auf: „Gerade die Fabrik, die so manchem nur als Schreckgespenst erscheint, ist die höchste Form der kapitalistischen Kooperation, die das Proletariat vereinigte und disziplinierte, die es lehrte, sich zu organisieren.“ (3) So ist es nicht verwunderlich, dass Lenin den betrieblichen Kämpfen des russischen Proletariats fremd gegenüberstand. Unter den noch stark bäuerlich geprägten russischen Arbeiterinnen und Arbeitern vor dem Ersten Weltkrieg gab es viel Widerstand gegen die Fabrikdisziplin, so dass etwa Versuche scheiterten, tayloristische Methoden einzuführen: „Der Versuch, die ‚Wissenschaftliche Betriebsführung‘ in einigen Eisenbahnwerkstätten einzuführen, scheiterte offensichtlich am geschlossenen Widerstand der Eisenbahner. Auch der Versuch, den ‚taylorisierten Arbeitsprozeß‘ in der Munitionsindustrie durchzusetzen, wurde angesichts der seit 1916 verstärkt opponierenden Arbeiter zurückgenommen…“ (4). Lenin jedoch sah den Taylorismus als Vorbild einer sozialistischen Organisation der Volkswirtschaft an: „Alle diese gewaltigen Vervollkommnungen…beschränken sich dabei auf die rationelle, vernünftige Arbeitseinteilung innerhalb der Fabrik. Naturgemäß taucht der Gedanke auf: und die Arbeitseinteilung innerhalb der gesamten Gesellschaft? … Das Taylorsystem bereitet – ohne Wissen und gegen den Willen seiner Erfinder – die Zeit vor, wo das Proletariat die ganze gesellschaftliche Produktion in seine Hände nehmen…wird, um die gesamte gesellschaftliche Arbeit richtig zu verteilen und zu regeln.“ (5). Lenins Ziel war nicht die Emanzipation der Individuen, sondern die Modernisierung des Landes mit autoritären Methoden.

Anarchistische Bolschewismus-Kritik

Die Praxis der Bolschewiki an der Macht sah entsprechend aus. Es sind gerade anarchistische Texte, die davon berichten. Nachdem der Anarchismus zu Beginn ein wichtiger Teil der Russischen Revolution gewesen war (6), nahm die Enttäuschung über den bolschewistischen Kurs später zu. Davon sprechen etwa die Texte von Emma Goldman und Alexander Berkman, die beide Ende 1919 aus den USA nach Russland ausgewiesen wurden (7). Beide waren zu Beginn voller Euphorie, endlich in das Land der sozialen Revolution zu kommen. Dies änderte sich jedoch in den zwei Jahren ihres Aufenthaltes drastisch. Berkman schrieb nach seiner Ausreise aus Russland 1922 den Artikel „The Russian Tragedy“ und merkte etwa zu den Folgen des autoritären bolschewistischen Kurses in der Industrie (die Ein-Mann-Leitung war wieder eingeführt, Fabrikräte waren entmachtet worden) folgendes an: „Das neue System, von Lenin als Rettung für die Industrie verkündet, endet mit der kompletten Lähmung des russischen Wirtschaftslebens, treibt die Arbeiter massenhaft aus den Fabriken und erfüllt sie mit Verbitterung und Hass gegen alles ‚Sozialistische‘.“ (8)

Dies stimmt mit den Ergebnissen von Angelika Ebbinghaus‘ Forschungen überein, die auf den deutlichen Einbruch der Arbeitsproduktivität schon vor dem Beginn des Bürgerkriegs im Sommer 1918 hinweist (9). In aller Ausführlichkeit sind Berkmans Erfahrungen im Tagebuch seines Russland-Aufenthaltes nachzulesen, das er 1925 unter dem Titel „The Bolshevik Myth“ veröffentlichte (10).

Ähnliche Berichte wie bei Berkman gibt es auch in Texten von Emma Goldman, so etwa in „Die Ursachen des Niederganges der russischen Revolution“ von 1922. Hier kritisiert sie z.B. die erzwungene Abgabe von Lebensmitteln durch die Bäuerinnen und Bauern. Sie lässt die Rechtfertigung nicht gelten, die Bauern hätten sich geweigert, den Städten die nötigen Lebensmittel zu liefern: „Das ist nur teilweise richtig. Die Bauern weigerten sich in der Tat, ihre Produkte den Agenten der Regierung auszuhändigen. Sie forderten das Recht, mit den Arbeitern direkt in Verbindung treten zu können, aber dieses wurde ihnen verweigert.“ (11)

Aufgrund der Unfähigkeit des bürokratischen Apparats erreichten die versprochenen Industrieprodukte die Bauernschaft fast nie, selbst wenn es sie trotz der Mangelsituation im Land gab (12). Ausführlich stellt sie die Erfahrungen ihrer Russlandreise in ihrem 1923 erschienen Buch „My Disillusionment in Russia“ dar. Ihr bitteres Fazit: „Zwei Jahre des ernsten Studiums, der Untersuchung und Forschung haben mich überzeugt, dass die großen Vorteile, die der Bolschewismus dem russischen Volk gebracht haben soll, nur auf dem Papier existieren und den europäischen und amerikanischen Massen von einer effizienten bolschewistischen Propaganda in leuchtenden Farben geschildert werden.“ (13)

In der Ukraine war die anarchistisch beeinflusste Bauernarmee unter Nestor Machno ausschlaggebend für den Sieg über die weiße Konterrevolution und wurde danach von den Bolschewiki zerschlagen (14). Volin, ein an dieser Bewegung beteiligter Anarchist, schildert z.B. Fälle, in denen es Belegschaften verboten wurde, vom Eigentümer verlassene Betriebe weiterzuführen, weil einzelne Betriebe nicht vorpreschen dürften. Stattdessen wurden solche Betriebe dann geschlossen (15).

Kropotkin schrieb an Lenin über den Mangel an lebensnotwendigen Dingen, die er in seinem Wohnort Dmitrow beobachten konnte, und plädierte für die Stärkung der lokalen Eigeninitiative der Bevölkerung: „Ohne die Teilnahme lokaler Kräfte, ohne eine Organisation von unten, der kleinen Bauern und Arbeiter selbst, ist es unmöglich, ein neues Leben aufzubauen. Es wollte scheinen, daß die Räte eben dieser Funktion…dienen sollten. Aber Rußland ist eine Räterepublik schon nur mehr dem Namen nach.“ (16)

Augustin Souchy reiste als Delegierter der anarchosyndikalistischen Freien Arbeiter Union Deutschlands (FAUD) 1920 nach Russland, um am II. Kongress der Kommunistischen Internationale teilzunehmen. 1921 veröffentlichte er einen Reisebericht – er hatte mit Lenin und anderen führenden Bolschewiki genauso wie mit Sozialrevolutionärinnen und Sozialrevolutionären, mit Anarchistinnen und Anarchisten sowie mit Arbeiterinnen und Arbeitern und Bäuerinnen und Bauern gesprochen. Dabei ging er nicht von Wunschdenken aus: „Ich war mir zwar klar, daß man nach mehrjährigem Krieg und plötzlichem Zusammenbruch uralter Institutionen nicht sofort einen paradiesischen Zustand erwarten konnte. Doch die vielen Mißstände, und vor allem die politischen Unfreiheiten waren offensichtlich auf die neue Staatsstruktur, auf das diktatorische System von Führern und Geführten, von Befehlenden und Gehorchenden zurückzuführen, das die bolschewistische Partei zwangsweise eingeführt hatte. Die alten Dorf- und Volksgemeinschaften, der Mir und das Artel, wurden von den neuen Behörden aufgelöst, freie Kooperation und freiwillige Zusammenarbeit konnten sich nicht entfalten. Die Freiheit war bekanntlich für Lenin und seine Partei ein bürgerliches Vorurteil.“ (17)

Der Anarchosyndikalist Souchy kritisiert etwa die bürokratische Kontrolle über die Industrie gerade mit dem Argument, sie sei ökonomisch nicht effizient, also auch nicht geeignet, an den schwierigen wirtschaftlichen Bedingungen Russlands irgendetwas zu ändern. Als Beleg führt er die Tatsache an, dass die Bolschewiki selbst oft über die Schwerfälligkeit ihres Apparates klagten, aber in Fällen, wo ausnahmsweise Basisinitiativen erlaubt waren, durchaus Erfolge erzielt wurden: „Als die Versorgung mit Brennmaterial im vergangenen Jahre nicht vonstatten gehen wollte, gab man einem Beamten freie Hände. Er engagierte Privatpersonen und Arbeiter, die unter besseren Bedingungen die dazu nötigen Eisenbahnwaggons bedeutend schneller fertigstellten, wodurch dann der Transport viel rascher vonstatten ging. Es ließen sich noch viel mehr ähnliche Beispiele anführen.“ (18)

Die Antwort auf anarchistische Kritik war Repression. Hierzu Souchy: „Die Verfolgung von Revolutionären, die nicht der kommunistischen Partei angehörten, setzte nach dem Oktobersieg Ende 1917 ein. Von 1918 bis 1920 wurden nach offiziellen Angaben 128.010 Personen – die meisten von ihnen Arbeiter und Bauern, Sozialisten und Anarchisten aller Richtungen – verhaftet, 9.641 erschossen, 9.599 als Geiseln behalten.“ (19). Zu Kropotkins Beerdigung am 10. Februar 1921 wurden die gefangenen Anarchistinnen und Anarchisten freigelassen – allerdings nur für einen Tag (20).

Fazit

Die bolschewistische Praxis war durch und durch autoritär. Dies war keineswegs den schwierigen Umständen in Russland geschuldet, sondern geht auf Lenins Denken schon lange vor der Revolution zurück. Die autoritäre bolschewistische Praxis war auch keinesfalls erforderlich, um Russland in dieser schwierigen Zeit zu retten, sondern hatte etwa auf ökonomischem Gebiet verheerende Folgen. Das Chaos, das angeblich autoritär bewältigt werden sollte, wurde durch die autoritären Maßnahmen oft erst hervorgerufen oder zumindest verschärft und sollte dann durch noch mehr Autoritarismus bewältigt werden – ein Beispiel dafür, dass autoritäre Ideologien sich ihre eigenen Rechtfertigungen schaffen. Strömungen wie der Anarchismus, aus denen schon sehr früh Kritik an dieser Entwicklung kam, wurden rücksichtslos unterdrückt. Für die Linke sollte Lenins 150. Geburtstag ein Anlass sein, diese Kritiken endlich umfassend und ernsthaft aufzuarbeiten, um ähnliche Fehler in Zukunft zu vermeiden.

Heiko Bolldorf

Anmerkungen:

1) MLPD, 21.4.2020: 150. Geburtstag von Wladimir Iljitsch Uljanow – Lenin im Kommen! Anti-Lenin - Petition der CDU kläglich gescheitert! URL: https://www.mlpd.de/2020/04/lenin-geburtstag

(Zugriff: 12.6.2020)

2) Lenin, W.I. (1955): Anarchismus und Sozialismus, 334/337. In: Ders.: Werke, Band 5, 334-337. Berlin, Dietz-Verlag.

3) Lenin, W.I. (1973): Ein Schritt vorwärts, zwei Schritte zurück, 395. In: Ders.: Werke, Band 7, 197-430. Berlin: Dietz-Verlag.

4) Ebbinghaus, Angelika (1975): Taylor in Rußland. URL: https://www.grundrisse.net/grundrisse26/TaylorinRussland.htm (Zugriff. 12.6.2020)

5) Lenin, W.I. (1961): Das Taylorsystem – die Versklavung des Menschen durch die Maschine, 146. In: Ders.: Werke, Band 20, 145-147. Berlin: Dietz-Verlag.

6) Graswurzelrevolution Nr. 423, November 2017: Russischer Anarchismus und die Revolution von 1917. URL: https://www.graswurzel.net/gwr/2017/11/russischer-anarchismus-und-die-revolution-von-1917/ (Zugriff: 12.6.2020)

7) Jacob, Frank (2018): Anarchism and the Perversion of the Russian Revolution. URL: https://journals.openedition.org/diacronie/7405. Zugriff: 12.6.2020.

8) Berkman, Alexander (1922): The Russian Tragedy. URL: https://libcom.org/library/the-russian-tragedy-alexander-berkman (Zugriff: 12.6.2020)

9) Ebbinghaus, s. unter (4).

10) Berkman, Alexander (1925): The Bolshevik Myth (Diary 1920-22): URL: https://libcom.org/files/Alexander_Berkman__The_Bolshevik_Myth__Diary_1920-22__a4.pdf (Zugriff: 12.6.2020)

11) Goldman, Emma (1922): Die Ursachen des Niederganges der russischen Revolution, 11. URL: http://www.anarchismus.de/frauen/emma-goldman-die-ursachen-des-niederganges-der-russischen-revolution.pdf (Zugriff: 12.6.2020)

12) Ebd.: 11ff.

13) Goldman, Emma (1923): My Disillusionment in Russia. URL: http://libcom.org/files/Emma%20Goldman-%20My%20Disillusionment%20in%20Russia.pdf (Zugriff: 12.6.2020)

14) Souchy, Augustin (1979): Reise nach Rußland 1920, 82ff. URL: https://anarchistischebibliothek.org/library/augustin-souchy-reise-nach-russland-1920.pdf (Zugriff: 12.6.2020)

15) Volin (1955): The unknown revolution, 99ff. London: Freedom press. URL: https://libcom.org/history/unknown-revolution-1917-1921-voline (Zugriff: 12.6.2020)

16) Kropotkin, Peter (1920): Brief an Lenin I. URL: https://www.anarchismus.at/geschichte-des-anarchismus/die-russische-revolution/593-peter-kropotkin-brief-an-lenin-1 (Zugriff: 12.6.2020)

17) Souchy, 4, a.a.O.

18) Ebd., 54.

19) Ebd., 5.

20) Serge, Victor (1921): Kropotkins Beisetzung (10. Februar 1921). URL: https://www.anarchismus.at/geschichte-des-anarchismus/die-russische-revolution/583-victor-serge-kropotkins-beisetzung (Zugriff: 12.6.2020)