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Paul Wulf – NS-Opfer, Antifaschist, Aufklärer – graswurzelrevolution

Paul Wulf – NS-Opfer, Antifaschist, Aufklärer

| Wilhelm Achelpöhler

Freundeskreis Paul Wulf (Hg.): „Ich lehre euch Gedächtnis“ Paul Wulf: NS-Opfer – Antifaschist – Aufklärer. Mit einem Vorwort von Konstantin Wecker, Unrast Verlag, Münster 2021, 304 Seiten, 19,80 Euro, ISBN 978-3-89771-087-0

„Ich lehre euch Gedächtnis“ Paul Wulf war kein bedeutsamer Theoretiker des Anarchismus, kein hervorragender Künstler und er ist auch nicht durch besondere Taten hervorgetreten. Aber es hat gute Gründe, weshalb der Freundeskreis Paul Wulf anlässlich seines 100. Geburtstages im Unrast Verlag ein 300 Seiten starkes Werk über das Leben und Nachleben von Paul Wulf herausgebracht hat. Paul Wulf, Arbeiterkind aus dem Ruhrgebiet, wurde 1938 als 16-Jähriger wegen vermeintlich „angeborenen Schwachsinns“ Opfer der NS-Eugenik. Dabei sah Paul Wulf deutlich klarer als zahlreiche seiner Mitmenschen und opponierte gegen den Faschismus. Nach 1945 kämpfte er gerichtlich jahrzehntelang für seine Anerkennung als NS-Opfer und verstand sich als antifaschistischer Aufklärer, er galt als Münsters „ältester Anarchist“.

Paul Wulf war in Münster für viele ein Bindeglied zwischen der Generation älterer Kom-munist*innen, Anarchist*innen und Freidenker*innen und einer jungen Generation, die sich in außerparlamentarischen linken Gruppen organisierten und abends in der „Kronenburg“ an der Hammer Straße in Münster trafen: „immer wieder zog er Kopien von Zeitungsartikeln und Dokumenten über Nazis aus seiner Tasche, die er bereits in den 1950er Jahren akribisch in Archiven aufstöberte“, wie Franz Helmut Richter in seinem Beitrag „Paul Wulfs Bildmappe“ anschaulich beschreibt. Nicht jeder, dem Paul Wulf abends in der Kneipe seine neuesten Forschungsergebnisse näherbringen wollte, wusste damit etwas anzufangen.

Der Band des Freundeskreises versammelt eine ganze Reihe von Aufsätzen zum Leben und Kampf von Paul Wulf. Robert Krieg beschreibt u.a. Paul Wulfs Kampf um seine Anerkennung als NS-Opfer. Was wurde Paul Wulf nicht alles entgegengehalten: Das Erbgesundheitsgesetz sei „in gesetzlicher Form zustande gekommen“, sei gültiges Recht und verstoße nicht gegen Natur- und Menschenrechte. Der Bundesgerichtshof, dessen Richter bereits vor 1945 an der „Rechtsprechung beteiligt waren“, erklärte die Entscheidung über die Anordnung der Zwangssterilisation zu einem Akt der Rechtsprechung, die auch bei Unrichtigkeit im Interesse des „Gemeininteresses“ hingenommen werden müssen. Krieg beschreibt, wie Paul Wulf sich mit der Geschichte der noch immer hochangesehenen Täter beschäftigte. Lange bevor sich westdeutsche Medizinhistoriker*innen mit der Geschichte der Täter in Weiß beschäftigten, publizierte Paul Wulf mit Hilfe von Freunden 1979 eine kleine Schrift „Stoppt niemand diese Pest?“. Norbert Eilighoff geht näher auf diese Publikation ein. So wurde Paul Wulf zum „Motor einer alternativen Geschichtsschreibung“, wie es Christoph Spieker, Leiter des Geschichtsorts Villa ten Hompel anerkennend formuliert. Dass sich manche Beiträge inhaltlich überschneiden, fällt nicht besonders ins Gewicht. Der Band dokumentiert auch, wie es dem Freundeskreis Paul Wulf um Bernd Drücke gelungen ist, mit der Geschichte von Paul Wulf Geschichte von unten erlebbar zu machen. Eine dieser Interventionen ist die Umbenennung einer kleinen Straße in Münster: der Jöttenweg in der Nähe der medizinischen Fakultät trägt jetzt den Namen „Paul Wulf Weg“. Namensträger ist jetzt nicht mehr der in der Stadt Münster hochangesehene Medizinalordinarius, dessen Rolle als Wegbereiter der NS-Rassehygienie in Vergessenheit geraten war, Namensträger ist jetzt der Außenseiter Paul Wulf, ehemaliger Hilfsgärtner in den Anlagen der Universitätsklinik Münster, der ohne jede formale Schulbildung und Ausbildung im Umgang mit Archiven wesentlich zur Aufklärung über die Geschichte der Medizin im Nationalsozialismus beigetragen hat.

Ein anderes Beispiel für die geschichtspolitischen Interventionen des Freundeskreises Paul Wulf ist die Auseinandersetzung um die Skulptur, mit der Paul Wulf bis heute in Münsters Stadtbild präsent ist. 2007 im Rahmen der „skulptur projekte“ von Silke Wagner und dem Umweltzentrum-Archiv-Verein auf dem Servatiiplatz in Münster errichtet, sollte sie nach dem Willen der städtischen Kulturpolitiker*innen von CDU und FDP möglichst schnell wieder verschwinden, dokumentiert sie doch auch Paul Wulfs Verbindung zur linken Szene Münsters. Während die einen die Skulptur zur beliebtesten der ganzen Ausstellung kürten und die International Herald Tribune auf der Titelseite ein Foto von der Paul-Wulf-Skulptur brachte, war sie für andere ein „oberpeinlicher Beitrag“, der abgeräumt gehört, sodass auch die Frankfurter Allgemeine Zeitung fragte, ob es in Münster „keinen Platz für kritische Werke“ gebe.

Der Band dokumentiert neben diesen Auseinandersetzungen um das Erbe von Paul Wulf aber auch das Schaffen von Paul Wulf selbst, seine Gedichte ebenso wie die Ausstellungen, die er erstellt hat. Brigitte Diel hat diese sorgfältig lektoriert, natürlich kann der Band hier nur einen kleinen Ausschnitt wiedergeben. Mit diesem Buch hat der Freundeskreis nicht nur Paul Wulf, sondern sich selbst ein kleines Denkmal gesetzt: ein Denkmal für eine langjährige erfolgreiche geschichtspolitische Intervention. Es ist ein schönes Denkmal geworden, mit aufwendigem Layout und zahlreichen Dokumenten.

Termin:

Am 2. Mai 2021 feiert der Freundeskreis Paul Wulfs 100. Geburtstag mit einer Gedenk-Matinee.

Infos:

https://muenstertube.wordpress.com/2021/04/12/ich-lehre-euch-gedachtnis-gedenkfeier-in-munster-zum-100-geburtstag-des-ns-opfers-paul-wulf/