fluchtwege

Todesgrenze

Pushbacks an der polnisch-weißrussischen Grenze

| „No Borders Team“

Im Wald werden Asylanträge ausgefüllt und Fotos der Geflüchteten als Beweis gemacht. - Foto: A.S.

Seit zwei Wochen unterstützt das anarchistische „No Borders Team“ Geflüchtete im Grenzgebiet zwischen Polen und Weißrussland. Durch eine Politik der systematischen Pushbacks werden die Refugees von beiden Seiten brutal abgewiesen. Sie sitzen in der Falle und irren schutzlos in den Wäldern umher, leiden unter Hunger und Kälte. Geschwächt und krank wartet auf viele nur der Tod. Über die erschütternden Ereignisse an der polnisch-weißrussischen Grenze berichten für die Graswurzelrevolution die vor Ort anwesenden Aktivist:innen des „No Borders Team“. (GWR-Red.)

Die weißrussische Route soll vermeintlich der einfachste Weg für Geflüchtete aus den kriegsgebeutelten Teilen der Welt sein, um nach Deutschland und Frankreich zu gelangen. Sie sei kurz, sicher und vor allem billig und ermutigte ganze Familien, sich auf den Weg zu machen und ihren Platz in einer besseren Welt zu suchen. Sie wurde jedoch für viele zum Grab.
Als der weißrussische Präsident Alexander Lukaschenko vor zwei Monaten als Reaktion auf die von der EU verhängten Sanktionen damit begann, die Visumspflicht für die meisten afrikanischen und asiatischen Länder abzuschaffen, hatte niemand erwartet, dass die Dinge so schlecht ausgehen würden. In vielen armen Ländern wie Jemen, Kongo und Irak wurden im Eiltempo Reisebüros gegründet, die sehr günstige Reisen nach Belarus verkauften. Sie boten einen Flug, eine Besichtigungstour durch Minsk und eine Busfahrt zur Grenze an. Die Reiseprospekte informierten auch darüber, dass es einfach sei, die EU zu durchqueren, und dass ein Taxi nach Berlin schon von der polnischen Seite aus genommen werden könnte. Im Vergleich zur Balkanroute schien dieser Weg ideal. Der „Reiseboom“ begann. Tausende von Tickets wurden gekauft, und ganze Familien machten sich mit mehreren Generationen auf die Reise in die EU.
Sie landeten in Minsk, bekamen eine kurze Stadtbesichtigung und wurden mit dem Bus zur Grenze gefahren. Hier stellte sich jedoch heraus, dass die Realität anders aussah, als ihnen versprochen worden war. Sie wurden dort von den Grenzbeamt:innen durchsucht und aller Geld- und Wertgegenstände beraubt, die sie bei sich trugen. Dann wurden sie in Gruppen in Richtung der polnischen grünen Grenze getrieben, die sie zwei Tage lang in der Hoffnung auf das sagenumwobene Eldorado zu Fuß überquerten. Doch die polnischen Behörden, die die Geflüchteten nicht hereinlassen wollen, errichteten Stacheldrahtzäune und schickten Armee und Polizei an die Grenze. Der Befehl lautete, niemanden hereinzulassen, alle in den Niemandsland-Streifen zu bringen und über den Stacheldraht nach Weißrussland zurückzudrängen. In einem zehn Kilometer breiten Streifen entlang der Grenze wurde der Ausnahmezustand verhängt.
Journalist:innen, Hilfsorganisationen und Rettungsdiensten ist der Zutritt untersagt. Damit wurde Aktivitäten freien Lauf gelassen, die gegen alle internationalen Rechtsnormen und Vereinbarungen verstoßen. Tausende von Menschen sitzen in der Falle, denn sobald sie den Grenzstreifen betreten haben, können sie diesen nicht mehr verlassen. Auf polnischer Seite patrouillieren Einheiten mit Spürhunden, Hubschraubern und Geländewagen mit Nachtsichtgeräten in der Sperrzone, und wenn Geflüchtete oder deren Leichen gefunden werden, werden sie auf die belarussische Seite gedrängt bzw. gebracht. Laut lokalen Augenzeug:innen und Geflüchteten werden Leichen von der polnischen Seite auf Wagen gesammelt und über den Grenzzaun geworfen oder in den Wäldern liegengelassen und dort teils mit Blättern und Ästen bedeckt, um sie zu tarnen, so dass sie im Winter von Tieren gefressen werden. Die lebenden Menschen werden mit Militär- oder Zivilfahrzeugen zur weißrussischen Seite gebracht. Die Weißruss:innen reagieren darauf, indem sie Geflüchtete schlagen und in Wellen zurück nach Polen drängen. Laut jüngsten Berichten nutzen sie dabei Taser. Nach Angaben von Geflüchteten werden Gruppen von bis zu 300 Menschen gesammelt und an Stellen gefahren, die auf polnischer Seite weniger bewacht sind, wo sie wieder zum Grenzübertritt gezwungen werden. Manche wurden bereits 15 Mal von beiden Seiten abgewiesen. Viele würden am liebsten nach Minsk zurückkehren, aber dieser Weg ist ihnen versperrt. Die Grenzpatrouillen auf beiden Seiten nehmen alles Wertvolle an sich, was sie finden. Die Menschen beginnen vor Erschöpfung zu sterben, und ihre Leichen liegen entlang der Grenze. Am schlimmsten ist die Situation der Kinder, die sich oft in den Wäldern verirren und deren Schreie man nachts hören kann.
Entlang des Streifens, über den der Ausnahmezustand verhängt wurde, versuchen einige Nichtregierungsorganisationen, Lebensmittel und Wasser zu verteilen. So auch das anarchistische „No Borders Team“, das aus über 50 Personen aus ganz Polen besteht, von denen sich nach dem Rotationsprinzip immer etwa ein Dutzend vor Ort befindet und 24 Stunden am Tag Hilfe leistet.

Auf polnischer Seite patrouillieren Einheiten mit Spürhunden, Hubschraubern und Geländewagen mit Nachtsichtgeräten in der Sperrzone, und wenn Geflüchtete oder deren Leichen gefunden werden, werden sie auf die belarussische Seite gedrängt bzw. gebracht.

Dies ist ein Bericht, der ein paar Stunden ihrer Arbeit beschreibt:

Wir erhalten die Information, dass sich mehrere Personen aus dem Jemen in den Wäldern bei Lipsk versteckt halten. Sie sind erschöpft und werden vielleicht in Polen um Asyl bitten. Wir schreiben auf Zettel: „I want asylum in Poland. I want international protection in Poland“. Wenn wir die Geflüchteten finden, sollen wir ein Video von ihnen drehen, während sie ihren Asylantrag mündlich stellen und dabei diesen Zettel halten. Dies ist oft der einzige Beweis dafür, dass eine Person existiert hat. Wenn sie nur die Asyldokumente ausfüllen, können die Grenzbeamt:innen diese zerreißen und wegwerfen. So funktioniert das Asylverfahren in Polen.
Wir sind 150 Kilometer von unserem Ziel entfernt, die Fahrt dauert anderthalb Stunden, unterwegs passieren wir eine Patrouille der Sperrzone – die Polizei kontrolliert uns bei der Ein- und Ausfahrt aus der Zone. Wir erklären, dass wir von Teremiski zu unserer Privatunterkunft in Lipsk zurückkehren. Wir sind zu viert – Freund:innen, Pilzsammler:innen, Tourist:innen. Sie lassen uns passieren. Man kann den Transit nehmen, wenn „der Polizist einen mag“ – wenn du ihm nicht gefällst, wirst du abgewiesen. Die Gesetze besagen, dass man durch die Sperrzone fahren darf, es sei denn … man erweckt Verdacht.
Wir halten auf einem schmalen Pfad zwischen Feldern an, die mit Metalldraht eingezäunt sind. Es ist fast 23 Uhr. Wir betreten den Wald mit Kopflampen und Rucksäcken, die mit unseren „Lebensrettungspaketen“ gefüllt sind: Thermodecke, Nutridrink, Riegel, etwas Salziges, Stiefelwärmer, Socken und eine Flasche Wasser. Unsere Kolleg:innen finden drei junge Erwachsene. Sie sind müde, sie leben seit 15 Tagen im Wald, sie wurden vier Mal von Belarus Richtung Polen zurückgedrängt.
Rami, ein junger Programmierer aus dem Jemen, erzählt uns, wie er und andere Geflüchtete von weißrussischen Grenzsoldaten in den Fluss gestoßen wurden. Die Soldaten sagten, das Wasser sei seicht, aber er spürte keinen Boden unter den Füßen. Er ließ seinen Rucksack mit all seinen Habseligkeiten fallen, darunter auch sein Telefon, mit dem er seine Familie kontaktieren und den Standort an Helfer:innen übermitteln konnte. In nassen Kleidern und bei Temperaturen von knapp über Null Grad machten sich Rami und seine Gruppe auf den Weg zur polnischen Seite. Sie hatten die Weißrussen gebeten, sie in den Jemen abzuschieben. Sie verstanden, dass die Transitroute durch Weißrussland und Polen unmöglich war und dass alle anderen noch schlimmeren Migrationsrouten eine bessere Chance boten. Die Einreise nach Polen bedeutet, im Wald zu sterben.
Wir setzen uns auf die Wiese und füllen drei Asylanträge aus. All dies geschieht im Licht der US-amerikanischen ABC-Fernsehkameras, die hinzugekommen sind. Dank dieses Lichts kann ich sehen, was ich schreibe. Ich sehe mir ihre Pässe an und trage ihre Namen ein. Rami spricht hervorragend Englisch und erklärt seinen Begleitern, dass heute ein guter Zeitpunkt ist, um Asyl zu beantragen. Wir haben ein internationales Fernsehteam dabei. Dadurch kann es nicht unter den Teppich gekehrt werden. Diese Menschen wurden bereits gefilmt, es ist also klar, dass sie existiert haben. Die Journalist:innen versichern uns, dass sie das Thema nicht ruhen lassen, dass sie Rami, Momen und den 19-jährigen Turki nicht vergessen werden. Turkis Schuhe sind kaputt, Momen trägt nur noch Socken. Wir sagen, dass wir trotz der Anwesenheit des Fernsehens nicht versprechen können, dass die polnischen Grenzschützer:innen sie nicht gleich zum fünften Mal 200 Kilometer weit wegbringen und im Wald zurücklassen werden. Wir haben bereits Aktivist:innen getroffen, die weinten, wenn sie daran dachten, wie die Geflüchteten sie um Rettung anflehten und sie nichts tun konnten. Es gibt viele solcher Geschichten. Der Schrei eines Kindes, den man im Wald auf der weißrussischen Seite hört und auf den man nicht mütterlich, schwesterlich oder einfach menschlich reagieren kann. Wenn man auf die andere Seite wechselt, können die belarussischen Grenzbeamt:innen eine:n erschießen.
Wir sind zum ersten Mal hier und voller Hoffnung, und deshalb verstehen wir zunächst nicht, dass der 19-jährige Turki beschließt, in den Wald zurückzukehren. Er versteckt den gefalteten Asylantrag auf seiner Brust und sagt, dass er zurückgeht, zu seinem Bruder … der auf der anderen Seite zehn Kilometer entfernt in Weißrussland im Wald geblieben ist.
Wir packen ihm einen Rucksack, Militärrationen, Powerbanks, Schlafsäcke und Zelte. Der Rucksack ist sehr schwer. Wir geben ihm eine Mütze, Ewelina ihre Handschuhe, Albert seine Schuhe, wodurch diesmal er in Socken im Wald zurückbleibt, aber dank dieser Schuhe hat Turki eine bessere Chance, nachts zehn Kilometer durch den Wald zu laufen. Er muss sehr vorsichtig sein, denn die Weißrussen haben angekündigt, dass sie ihn töten werden, wenn sie ihn noch einmal erwischen.
Das amerikanische Fernsehteam ist gerührt von Alberts Geste, und am Ende dieser Nacht fragen sie uns, warum wir das tun, warum wir helfen. Ich antworte, wenn meine Tochter im Wald wäre, würde ich mich auch für sie einsetzen. Wenn mein Bruder im Wald wäre, erschöpft und vor Kälte und Hunger sterbend, würde ich mich auch für ihn einsetzen. Dass sie gleichwertige Menschen sind – die Töchter, Brüder, Mütter, Väter von jemand anderem.
Turki prüft sein Telefon. Wenn er Kontakt zu seinem Bruder hätte, könnte er ihm schreiben, dass er Asyl beantragt, dass wir ihm einen Rucksack unter einem Baum platziert haben und ihm den Standort durchgeben, aber das Telefon ist tot, denn die Leute auf der weißrussischen Seite haben nur ein Handy und einen sehr schwachen Akku. Turki geht in den Wald. Der Kontakt bricht ab. Ich frage mich, wer er war, was er mochte, wovon er träumte. Der 19-jährige Turki.
Wir rufen die Grenzbeamt:innen an und sagen ihnen, dass wir mit Geflüchteten und dem amerikanischen Fernsehteam warten. Wir warten mehrere Stunden auf ihre Ankunft. Sie rufen an und sagen, dass sie uns nicht finden können, obwohl wir ihnen einen Standort mitgeteilt haben. Schließlich gehen wir zu ihrer Station, um sie abzuholen. Sie geben sich sehr viel Mühe und sind menschlich. Wir haben nur schlechte Geschichten gehört, über Schreie und Drohungen, über die Gleichgültigkeit. Jetzt behandeln sie jeden mit Respekt. Wir wissen nicht, ob das an den internationalen Kameras liegt oder einfach an den menschlichen Reflexen. Das spielt keine Rolle. Rami und Momen sind vom Wild wieder zu Menschen geworden – jemenitische Staatsbürger, die in Polen internationalen Schutz suchen.
Wir kehren um 7 Uhr nach Hause zurück. Es heißt, Aktivist:innen schlafen nicht. Das ist wahr. Ein weiterer Tag bedeutet, in Lipsk anzurufen, um Informationen über die Situation unserer Jemeniten zu erhalten. Asylverfahren werden eröffnet. Ich bin ihre Bevollmächtigte und werde daher von den Grenzschutzbeamt:innen problemlos über die Ereignisse informiert. Wir vereinbaren einen Termin für den nächsten Tag in Lipsk, 150 Kilometer von unserem Standort entfernt. Wir dürfen Kleidung und Hygieneartikel für Rami und Momen mitbringen. Ich bin dankbar. Ich habe das Gefühl, dass es vielleicht klappen wird.

Unmenschliche Gesichter

Am zweiten Tag unseres Einsatzes werden wir informiert, dass eine größere Gruppe kongolesischer Geflüchteter in der Bibliothek in Gródek aufgetaucht ist. Wir fahren hin. Die Polizei und der Grenzschutz informieren uns, dass wir uns den Ausländer:innen nicht nähern sollen, da bei einem von ihnen Covid diagnostiziert wurde und wir in Quarantäne müssten.
Ein Mädchen liegt regungslos auf dem nassen Gras. Wir werden von einem französischsprachigen Journalisten von Onet [Online-Infoportal – Anm. d. Übers.] begleitet. Es stellt sich heraus, dass das Mädchen Amélie heißt, 16 Jahre alt und seit seinem sechsten Lebensjahr krank ist. Das Mädchen bewegt sich nicht, und ich frage, ob ein Krankenwagen gerufen wurde. Ein Grenzschutzbeamter erklärt, dass Amélie keinen Bedarf angemeldet hat. Es ist schwierig, Bedarf anzumelden, wenn man unter Schmerzen und kaum bei Bewusstsein auf dem nassen Boden liegt. Ich rufe den Notdienst an:

„Ich möchte einen Krankenwagen für ein 16-jähriges Mädchen rufen, das vor der Bibliothek in Gródek liegt“, beginne ich.
„Atmet sie?“, fragt mich die Mitarbeiterin.
„Ich weiß es nicht.“
„Was für Menschen!“ Sie ist entrüstet über meinen Mangel an Empathie. „Bitte gehen Sie zu ihr und überprüfen Sie das!“, weist sie mich an.
„Aber ich kann nicht, weil die Grenzbeamten mich nicht zu ihr lassen …“
Stille kehrt ein.
„Ist sie keine Polin?“
„Ich weiß es nicht …“, antworte ich, weil ich schon spüre, dass niemand kommen wird, wenn die 16-Jährige keine Polin ist. In Polen, in der Region Podlasie, kommen die Krankenwagen nur zu polnischen Kindern.
„Wenn die Grenzschutzbeamten da sind und nicht um Hilfe gerufen haben, bedeutet das, dass sie nicht gebraucht wird!“
„Aber das Mädchen ist bewusstlos und friert, ich bestehe darauf, dass der Krankenwagen kommt.“
„Nun, er wird kommen, aber ich weiß nicht wann, denn wir haben viele Anrufe!“

Das Gespräch endet. Später, als das Mädchen bereits zum Grenzschutzwagen geschleppt wird, bekomme ich einen Anruf vom Rettungsdienst. Mein Anruf sei ungerechtfertigt gewesen. Ich müsste lernen, in welchen Situationen ich einen Krankenwagen rufen muss! Ich frage, wann der Anruf gerechtfertigt sei, wenn nicht im Fall einer bewusstlos auf dem Boden vor der Bibliothek liegenden Jugendlichen?
Grenzbeamt:innen und Polizist:innen werden still, wenn TVN [polnischer Privatsender – Anm. d. Übers.] seine Kameras einschaltet. Die Kameras wirken wie ein Beruhigungsmittel. Unsere Personalien werden wieder aufgenommen, die Kongoles:innen werden nach Bobrowniki zurückgetrieben, und ihre Spur verschwindet. Ich frage mich, wer sie war, was sie mochte, wovon sie träumte. Die 16-jährige Amélie.

Übersetzung: moku

Anmerkung:
Namen von der Redaktion teilweise geändert. Die im Text beschriebene Situation im Wald wurde von ABC gefilmt und ist unter dem folgenden Link zu finden: https://bit.ly/3mYWrL3

Dies ist ein Beitrag aus der aktuellen Druckausgabe der GWR. Schnupperabos zum Kennenlernen gibt es hier.

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