die waffen nieder

Wem nützt das Morden in Westpapua?

„War on West Papua“ dokumentiert die Verflechtungen der Rüstungsindustrie

| Zelda Grimshaw

Beitragpapua
Kayak-Protestaktion gegen die indonesische Spezialeinheit SAS - Foto: Wage Peace

Traumstrände, Korallenriffe, atemberaubende Gebirgslandschaften, der letzte intakte tropische Regenwald Asiens, eine ungeheure Artenvielfalt und eine naturverbunden und staatslos lebende indigene Bevölkerung: Westpapua könnte ein Inselparadies sein. Die Realität sieht anders aus: Wegen seiner Bodenschätze – auf Westpapua befindet sich unter anderem die größte Goldmine der Welt – ist das Land seit Jahrhunderten Gegenstand internationaler Begehrlichkeiten, wird besetzt und ausgeplündert. Seit den 1960er-Jahren steht Westpapua unter indonesischer Herrschaft. Bereits zarteste Ansätze von Protest oder alternativer Wirtschaftsorganisation werden mit brutaler Gewalt und Staatsterror beantwortet. Wie europäische und US-amerikanische Rüstungskonzerne davon profitieren, analysiert die internationale Initiative „War on West Papua“. Gemeinsam mit Organisationen wie „Rheinmetall entwaffnen“ suchen die Aktivist*innen nach Wegen, Waffenexporte zu verhindern und das Morden zu beenden. (GWR-Red.)

Seit sechzig Jahren kämpft die indigene Bevölkerung Westpapuas gegen Ressourcenausbeutung und die Besatzung durch das indonesische Militär. Zuvor war Westpapua, die Westhälfte der nördlich von Australien und östlich von Indonesien liegenden Insel Neuguinea, eine niederländische Kolonie gewesen. Nach Jahrhunderten der Ausbeutung forderten die Menschen Westpapuas ihre Unabhängigkeit von der niederländischen Kolonialmacht. Diese Rufe wurden lauter, nachdem das Nachbarland Indonesien, zuvor ebenfalls niederländische Kolonie, 1945 seine Unabhängigkeit erklärt hatte, die 1949 mit dem Abzug der Niederlande auch verwirklicht und international anerkannt wurde.
Die Niederlande wollten Westpapua jedoch nicht so schnell aufgeben, zugleich meldete Indonesien Ansprüche auf Westpapua an. Am 1. Dezember 1961 wurde die Morgensternflagge der Republik Westpapua zum ersten Mal öffentlich gehisst. Die niederländischen Kolonialbehörden ignorierten jedoch den westpapuanischen Wunsch nach Unabhängigkeit und handelten stattdessen ein UN-Abkommen aus, welches die Übergabe des Landes an Indonesien besiegelte. 1963 wurde Westpapua vom indonesischen Militär besetzt.

Wetspapua – Karte: Wikipedia

Seit dem 6. Juli 2022 ist unsere Website https://www.waronwestpapua.org/ aktiv und benennt die internationalen Zulieferer und Unterstützer der indonesischen Staatsgewalt in den besetzten papuanischen Gebieten. Den 6. Juli haben wir bewusst als Anfangsdatum gewählt: Er ist der Jahrestag des Biak-Massakers von 1998. Damals griffen indonesische Militärs, ausgerüstet mit deutschen Schiffen, US-amerikanischen Flugzeugen, französischen MGs und britischen Feuerwaffen, eine Unabhängigkeitsdemonstration auf der zu Westpapua gehörenden Insel Biak an und ermordeten hunderte von Protestierenden. Unsere Website dokumentiert die militärische Ausrüstung, die bei Gräueltaten wie jenem Massaker zum Einsatz kommt. Wir machen sichtbar, welcher Terror unter dem Deckmantel von Investitionen und Sicherheit ausgeübt wird, und wir zeigen, welche Rolle internationale Waffenlieferungen, militärische Trainings und politisch-diplomatische Unterstützung aus dem Ausland dabei spielen. Die Website ist als Informationsquelle für solidarische Aktivist*innen in waffenproduzierenden Ländern gedacht. So können sie gut informierte und gezielte Aktionen durchführen, um die Gewalt in Westpapua zu beenden.

Tödliche Geschäfte mit Indonesien

Die Gewalt des indonesischen Staates wird von anderen Staaten sowie von Rüstungsunternehmen unterstützt. Für die Unterstützer ist das ein lukratives Geschäft. Alljährlich importiert Indonesien Waffen aus Europa und den USA und zahlt dafür Milliardenbeträge. Mit dem Export von Waffen und Kompetenzen sorgen die Unterstützerländer zudem dafür, dass die so genannten Handelspartnerschaften, also die Rohstoffausbeutung, gewinnbringend weiterlaufen, ganz gleich, wie sehr die Bevölkerung vor Ort darum kämpft, ihre Flüsse, ihr Ackerland und ihre Wälder zu bewahren. Wir wissen, dass die Gewalt des indonesischen Staates gegen die Menschen Westpapuas ihren Anfang in den Vorstandsetagen der Konzerne im globalen Norden nimmt, wo Politiker, Investoren und Waffenhändler ihre Profite planen. Unsere Website dokumentiert die Waffenverkäufe, die in diesen Vorstandsetagen eingefädelt werden, und nennt die Namen und Adressen der Waffenhändler, die in Westpapua buchstäblich Mordsgeschäfte machen.
Die Idee zu unserer Website entstand im Gespräch zwischen Friedensaktivist*innen aus Australien, Westpapua und dem Vereinigten Königreich. An der Erstellung der Seite beteiligten sich die Organisationen Wage Peace aus Australien, War Resisters‘ International mit Sitz in London und Pasifika aus Vanuatu. 2020 begannen wir mit unseren Recherchen. Wir sichteten Regierungsakten, Berichte der Vereinten Nationen, von der Friedensbewegung erstellte Datenbanken sowie Berichte über Menschenrechtsverletzungen in Westpapua. Von unschätzbarem Wert war für uns das Stockholm International Peace Research Institute (SIPRI). Auch Wikipedia erwies sich als nützlich. Um jedoch exakt nachverfolgen zu können, welche Waffen Menschen in Westpapua verletzt oder getötet hatten, waren Gruppen von Militärfans und ihre Social-Media-Konten unsere besten Quellen. Stolz präsentieren dort Soldaten und Polizisten die Gewehre, Fahrzeuge, Raketen, Panzer und Hubschrauber, die sie einsetzen; sie posten Bilder mit exakten Zeit- und Standortdaten. Sich in dieser Online-Welt zu bewegen, in der schwerbewaffnete Männer mit ihrer Gewaltfähigkeit prahlen, war eine schreckliche Erfahrung. Die tiefere Gewalt jedoch findet sich auf den Webseiten der Multis, die diese Waffen verkaufen.
Sich mit den Marketingmaterialien und Webseiten von Unternehmen wie Rheinmetall, Thales, BAE, Elbit, Lockheed Martin und Raytheon zu befassen, heißt, dem Todeskult des Spätkapitalismus ins Auge zu blicken. Die dort präsentierte Dystopie einer Welt, die durch organisierte Gewalt „sicher“ gemacht wird, manifestiert sich in einer tiefen ästhetischen Dissonanz. Kühle, sterile Farben, Designelemente und Texte kommen zum Einsatz, um eine Technologie zu beschreiben, die verstümmelt, verbrennt, explodiert und menschliche Körper zerfetzt. Wenn Waffenhändler davon sprechen, Menschen zu töten, heißt das bei ihnen „Energieabgabe auf Weichziele“. Die Wort- und Bildsprache dieser Webseiten wirkt derart keimfrei, dass man glauben möchte, sie agierten in einer Welt, in der es keinerlei Lebensformen gibt. Keine Erde, keine Pflanzen oder Tiere, kein Blut, keine Haut, keine Knochen. Das Missverhältnis zwischen diesem technokratischen, entmenschlichenden Diskurs und den erschütternden, blutigen, körperlichen Schilderungen unserer Freund*innen in Westpapua könnte nicht größer sein. Von all den schwer erträglichen Materialien, denen ich bei der Arbeit an „War on West Papua“ begegnet bin, waren die Webseiten der Waffenproduzenten die mit Abstand verstörendsten.

Die Kampagne „Peace in Papua“

Seit 2018 arbeitet unsere Organisation Wage Peace mit Aktivist*innen in Westpapua und in der Diaspora zusammen, um unser gemeinsames Ziel zu erreichen: die Entmilitarisierung und Entkolonialisierung des Landes der Papua. In den letzten fünf Jahren hat Wage Peace Aktionen an vielen australischen Orten durchgeführt, an denen staatliche Gewalt ausgeübt wird, an Orten, an denen indonesisches Militär und Polizei ausgebildet werden, an Orten der „Investorendiplomatie“ und an Orten, an denen Politik gemacht wird. Wir haben mehrere Aktionen vor Einrichtungen der australischen Bundespolizei und der SAS durchgeführt, in denen indonesische Spezialeinheiten im Rahmen eines indonesisch-australischen Abkommens über „militärische Zusammenarbeit“ trainieren. Wir haben politische Korrespondenz geführt, Treffen zwischen westpapuanischen Menschen-rechtsaktivist*innen und Parlamentarier*innen arrangiert, Pressekonferenzen organisiert und Australiens Verbindungen zum indonesischen Militarismus aufgedeckt. Zudem haben wir immer mehr über die Rüstungsfirmen herausgefunden, die an der indonesischen Besatzung Millionen verdienen.
Im Jahr 2022 startete Wage Peace in Verbindung mit waronwestpapua.org eine neue Kampagne, um unseren Aktivismus verstärkt auf die australischen Niederlassungen der globalen Rüstungskonzerne zu konzentrieren, die Tod und Unterdrückung nach Westpapua exportieren. Die Kampagne heißt „Peace in Papua“ und unternimmt Direkte Aktionen gegen die Werke und Firmengebäude von Waffenhändlern, die an Indonesien verkaufen. Wir organisierten Sit-ins, Besetzungen und Blockaden der Fabriken, Verwaltungsgebäude und Versammlungen, in denen Gewalt gegen die Menschen Papuas beschlossen und produziert wird. So haben Boeing, Lockheed Martin, Thales, Elbit und EOS bereits Bekanntschaft mit unseren Störungstaktiken gemacht.

Direkte Aktionen gegen Rheinmetall

Zudem blockierten Aktivist*innen von „Peace in Papua“ gemeinsam mit Freund*innen von „Rheinmetall Entwaffnen“ den größten deutschen Waffenhersteller: Rheinmetall. Rheinmetall hat in den letzten zwanzig Jahren Hunderte von Panzern sowie Bomben und Munition nach Indonesien exportiert. Im Jahr 2014 hat Rheinmetall mit dem indonesischen Staatsunternehmen PT Pindad einen Vertrag über die Herstellung von Rheinmetall-Munition in Indonesien geschlossen.

Am 28. August 2022 schlossen Aktivist*innen von „Peace In Papua“ das Rheinmetall-Werk in Brisbane, Australien, indem sie sich vor das Tor stellten und Transparente mit der Aufschrift „War Begins Here“ entrollten. Mehr als zwei Stunden lang konnten die Arbeiter*innen das Werk nicht betreten und keine Waffen herstellen. Die Aktivist*innen hielten auch Fotos zum Gedenken an Menschen, die in den Jahren 2020 bis 2022 von Sicherheitskräften in Papua getötet wurden.

Blockade des französischen Rüstungsunternehmens Thales. Thales liefert Gewehre, Bomben und Panzer nach Indonesien. – Foto: Wage Peaces

Am 2. September 2022 reiste der in den Niederlanden lebende westpapuanische Aktivist Raki Ap zum Blockadecamp am Rheinmetall-Standort Kassel. Im Rahmen einer Veranstaltung schilderte Raki den Antimilitarist*innen von „Rheinmetall Entwaffnen“ und „Peace in Papua“, was Waffen und Militarismus in Papua anrichten. Nach der Diskussion zogen Freund*innen aus Deutschland, den Niederlanden und Australien vor das Rheinmetall-Werk und forderten: „Stoppt die Waffenverkäufe an Indonesien!“ und „Gebt den Menschen Papuas ihr Land zurück!“

Solidarität ohne Grenzen

Der zivile Widerstand in Westpapua ist beharrlich, kreativ und vielfältig – und er wächst. Wage Peace arbeitet eng mit Aktiven in Westpapua zusammen, um unser gemeinsames Ziel zu erreichen: die Gewalt des indonesischen Staates in dem besetzten Gebiet zu beenden. Die Papua fordern den Abzug der indonesischen Truppen und den Beginn eines friedlichen Dialogs. Wir fordern ein Verbot von Militärexporten nach Indonesien, eine Aussetzung der gemeinsamen Ausbildung von Militär und Polizei und ein Ende des diplomatischen Schweigens über die Gewalt. Solidaritäts- und Frie-densaktivist*innen in Aotearoa (Neuseeland), Deutschland, Südkorea und den USA haben sich dem Programm von „Peace in Papua“ angeschlossen und führen Aktionen durch, um die staatliche Gewalt in Westpapua zu beenden. Auf www.waronwestpapua.org findet ihr alle Informationen, die ihr braucht, um die Kampagne an euren eigenen Kontext anzupassen. Nehmt gerne Kontakt zu uns auf, besucht uns auf www.wagepeaceau.org – oder geht einfach zu eurem Waffenhändler vor Ort und sagt ihm, dass seine Geschäfte uns töten!

Die Autorin lebt in Australien. Als Umwelt- und Friedensaktivistin ist sie unter anderem bei der Organisation „Wage Peace“ sowie in den Initiativen „War on West Papua“ und „Peace in Papua“ aktiv.

Kontakt: info@wagepeaceau.org.

Übersetzung/Bearbeitung:
Julia Berger