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Von Schweinen und stoischen Hoffnungsträgern

Neu im Kino: Regeln am Band, bei hoher Geschwindigkeit

| Nicolai Hagedorn

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®JIP Film

Auf dem Münchner DOK.fest wurde  in diesem Jahr auch ein Film gezeigt, der zuletzt den „megaherz Student Award“, einen Filmpreis für Nachwuchsfilmer*innen, sowie den Max Ophüls – Preis für Dokumentarfilme gewonnen hat: Regeln am Band, bei hoher Geschwindigkeit.

Regisseurin Yulia Lokshina findet mit der ersten Einstellung, sich balgenden Schweinen, einen eigenen Jargon, eine eigene Sprache. Die Schweine sind Metapher für das was kommt, eine 90minütige Aufzeichnung aus dem Normalbetrieb des Schweinesystems, für Menschen, die wie Schweine behandelt werden und für die Schweine in den Vorständen der Ausbeuter. Lokshina erzählt ohne Aufregung von Dingen, über die man sich nur aufregen kann, die Langsamkeit der narrativen Entfaltung ist bewusst gewählt, aufregen soll nicht die Form, sondern der Inhalt. Das ist ein weises Konzept, auch wenn Lokshina es mit den kontemplativen Parts in einigen Einstellungen etwas übertreibt.

„Irgendwo in diesen Schlachthallen hat Stanislaw gearbeitet. Er war an dieser Maschine gestanden, die den Rumpf vom Kopf trennt und schickte da die Schweine durch. Erinnerst du dich? Und dann verhakte sich sein Kittel oder ein Handschuh oder seine Riemen, oder er wollte etwas rausholen, da hinten aus der Maschine“ sind die ersten Sätze des Films, der dem Fall nachgeht, aber bald von dem Einzelschicksal abstrahiert und zeigt, dass es sich um ein solches gerade nicht handelt.

Lokshina zeigt russische Arbeiter, die sich selbst als „weiße Nigger“ bezeichnen, Integrationsbemühungen und in der emotionalen Schlüsselszene des Films eine Frau, die vom herzzerreißenden Fall Mihaelas erzählt, die vor Überforderung, Angst und Verzweiflung ihr kurz zuvor in einer Garage geborenes Kind nahe einem Elektronikmarkt aussetzt.

Trailer zum Film – Quelle: Youtube

Thematisch ist das Feld damit abgesteckt, es geht um die Ausbeutung hauptsächlich osteuropäischer Arbeitsmigranten und den Umgang der einheimischen Bevölkerung mit diesen Gastarbeitern. Wer sich hierzulande über die üblen Zustände bei chinesischen Wanderarbeitern erregt, lernt in Regeln am Band, bei hoher Geschwindigkeit, dass es derartiges auch in westlichen kapitalistischen Zentren wie der BRD gibt.

Das ist thematisch natürlich nichts Neues und wer sich nur etwas für die Welt außerhalb seiner social-media-Blase interessiert, wird derartige Geschichten und auch Dokumentarfilme darüber schon zuhauf gesehen haben. Lokshinan gibt sich aber mit bloßer Dokumentation der Zustände nicht zufrieden, sondern führt mit einer Münchner Schul-Theatergruppe, die sie beim Proben des Brecht-Stückes „Die heilige Johanna der Schlachthöfe“ beobachtet, nicht nur eine Reflexionsebene ein, sondern eröffnet damit einen viel weiter gehenden Diskursraum.

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Der junge Theaterleiter, der seinen jugendlichen Schauspielern die Intention des Stückes versucht zu erklären, ihnen die Notwendigkeit von Klassenkampf aus Brechts Sicht darlegt und Verblendungszusammenhänge erklärt, dabei aber hauptsächlich auf Gähnen und versteinerte Gesichter trifft, verzweifelt schließlich und ruft den stoischen Hoffnungsträgern zu: „Ich warte ehrlich gesagt ein bisschen auf Widerworte. Wir spielen ein krass linksradikales, marxistisches Stück! Ich weiß nicht, ob ihr alle so drauf seid?“ Keine nennenswerte Reaktion.

So gelingt es dem Film nicht nur das auch in der BRD unendlich harte Leben derjenigen zu zeigen, die für Hungerlöhne die Plackerei erledigen, die die Schüler des Gymnasiums Neubiberg bei guter Führung ihr Leben lang nur vom Hörensagen kennen werden, die aber gleichzeitig dazu führt, dass alle immer frisches, günstiges Fleisch beim Metzger kaufen können, sondern auch deutsche Gymnasiasten beim Erstkontakt mit so etwas wie kritischem Denken.

Lokshinas Film nähert sich den Schweinereien der bürgerlichen Gesellschaft ohne übermäßig zu moralisieren oder sich auf eine Perspektive festzulegen und dass in einer solchen Produktion, die immerhin auf einem einigermaßen bekannten Festival vertreten ist, überhaupt ein auch so formulierter antikapitalistischer Standpunkt stattfinden darf, ist eine hübsche und erfreuliche Seltenheit.

Wir haben den Film anlässlich des Münchner Dok-Fests gesehen und besprochen. Der Text wurde zum Kinostart leicht gekürzt.

Kinostart: 22.10.2020

Dies ist ein Beitrag der Online-Redaktion. Schnupperabos der monatlichen Printausgabe zum Kennenlernen gibt es hier