es wird ein lächeln sein

Selbstorganisation auf den Philippinen

Zum Stand der Anarchie auf einem südostasiatischen Archipel

| Rüdiger Haude

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Foto: Rüdiger Haude

Wenn man über zeitgenössischen Anarchismus auf den Philippinen spricht, landet man unweigerlich beim „Etniko Bandido Infoshop“ in der Stadt Pasig, die zur Metropolregion Manila gehört.

Gabriel Kuhn hat dieses Projekt im deutschsprachigen Raum bekannt gemacht. (1) Er gab auch einige Texte von Bas Umali in englischer Sprache heraus. Umali gehört zum Etniko Bandido Infoshop und kann am ehesten als Theoretiker eines philippinischen Anarchismus bezeichnet werden. Er knüpft seine politischen Ideen an die Topografie seiner heimatlichen Inselwelt: „Ich möchte den ‚Archipel‘ als alternatives Bild zum zentralisierenden, homogenisierenden und essentialisierenden Schema des nationalstaatlichen oder ‚Insel‘-Raums vorschlagen.“ (2) Die zwischen den einzelnen Eilanden des Archipels waltende „komplexe Konnektivität“ (und eben nicht: Einheit) muss tatsächlich die vorkoloniale Geschichte der heutigen Philippinen maßgeblich geprägt haben. Das Meer steht für den zugleich trennenden und verbindenden Charakter ihrer politischen Beziehungen.
Als ich den Infoshop im Februar 2023 zum ersten Mal betrat, war ich überrascht, denn er ist viel kleiner als ich gedacht hatte. Auf zwei Etagen befindet sich jeweils ein mittelkleiner Raum. Unten wird Büroarbeit verrichtet und es finden Veranstaltungen statt. Oben ist eine kleine Ausstellung anarchistischer Kunst zu sehen, die auch mehrere Exponate aus Deutschland umfasst, und eine kleine Bibliothek, die vor allem durch die Sammlung von Fanzines der Punk-Szene überzeugt. Cris, der den Infoladen betreibt, meinte im Gespräch, es fehle an Leuten, die Bücher schreiben könnten, das sei eine schmerzliche Lücke. Die Anarchoszene auf den Philippinen ist heute nicht akademisch geprägt.Und das Kollektiv des Etniko Bandido ist nicht zahlreich. Cris sagte, die anarchistische Bewegung sei insgesamt so klein, dass sie unter dem Radar des staatlichen Repressionsapparats laufen könne. Das verschaffe auch Handlungsspielräume. Ein Beispiel dafür ist der „Community Free Shop & Pantry“, der vor dem Infoshop bei meinem zweiten Besuch im März 2023 aufgebaut wurde. Auf einem Tisch wurden große Berge von Gemüse aufgetürmt, die von den Menschen in der Nachbarschaft kostenlos mitgenommen werden konnten – was sehr intensiv wahrgenommen wurde. Ein schönes Beispiel praktischer Solidarität und gegenseitiger Hilfe. Aber auf anderen Stationen meiner Reise erzählten mir Menschen, die sich nicht als Anarchist*innen bezeichnen würden, sondern z.B. vom christlichen Grundsatz der Nächstenliebe motiviert sind, dass sie während der Corona-Pandemie ähnliche Aktivitäten der Lebensmittelversorgung in armen Communities organisiert hätten, dabei aber streng darauf geachtet hätten, es heimlich durchzuführen, um nicht „red-taped“ zu werden, also als Kommunisten gebrandmarkt, die dann sozusagen vogelfrei sind. Vor den paar Anarchist*innen hat der potenziell immer paranoide Staat offenbar wenig Angst. So jedenfalls die Einschätzung von Cris.
Die Agenda der anarchistischen Szene auf den Philippinen unterscheidet sich in zweifacher Hinsicht von der in Deutschland: Erstens durch die Betonung der Praxis gegenüber Theoriedebatten. Zweitens dadurch, dass das Thema Armut definitiv auf Platz 1 der Betätigungsfelder steht; z. B. auch gegenüber der Umwelt- und Klimapolitik. Das Bewusstsein für den Zusammenhang beider Bereiche ist freilich vorhanden, und das Team von Etniko Bandido ist auch in verschiedenen Kampagnen gegen die Naturzerstörung durch Bergbaukonzerne (oder auch Staudamm-Projekte) aktiv. Für den Fall eines ausgedehnteren Stromausfalls, etwa bei einem der Taifune, die das Land schon immer, durch die Erderwärmung aber immer häufiger und heftiger heimsuchen, setzt man auf kleine Guerilla-PV-Anlagen. Ein Solarmodul und ein Wechselrichter sind im Infoshop für solche Fälle vorhanden. Ein „Solar Guerilla Autonomous Response Team“ wurde nach dem besonders verheerenden Taifun Haiyan im Jahr 2013 gebildet. „Autonome direkte Hilfe“, heißt es dazu, besteht in der „Bereitstellung von Dienstleistungen direkt für die betroffenen Gemeinden oder Gebiete, die durch eine Naturkatastrophe verwüstet wurden. Eine direkte Aktion, die von einer Einzelperson oder einer Gruppe durchgeführt wird, unabhängig von der lokalen Bürokratie oder staatlichen Einrichtungen.“ Da es die ärmeren Communities sind, die durch solche „Naturkatastrophen“ (in Wahrheit zunehmend vom globalen Kapitalismus produzierte Extremereignisse) am schwersten getroffen werden, liegt der Zusammenhang von ökologischen und sozialen Krisen klar auf der Hand.

Der Autor im Kreise der Anarcho-Szene der Metropolregion. Veranstaltung im Etniko Bandido Infoshop, Pasig City, 2. März 2023 – Foto: Rüdiger Haude

Bei meinem Besuch im Infoshop, nach vollzogener Essensverteilung, berichtete ich von den stark anarchistisch gefärbten Widerstandsformen im Rheinischen Braunkohlerevier und zeigte Bilder vom Kampf um den Hambacher Wald im Jahre 2018. Ich hatte auf einen Erfahrungsaustausch über erfolgreiche Aktionsformen hüben und drüben gehofft; aber nach einer Diskussion über meine Ausführungen fiel der geplante Input von Cris zu den Klimakämpfen auf den Philippinen ins Wasser, weil die jungen Leute nun mehr Lust darauf hatten, eine musikalische Jam-Session steigen zu lassen. Punk-Musik ist, wie Gabriel Kuhn betont, eine zentrale Ausdrucksform und Bindemittel der anarchistischen Bewegung in den Philippinen. Hier war es unplugged und auch für mich als hippie-sozialisierten „boring old fart“ ein tolles Erlebnis.

Interessanterweise erinnerte der Sound dieser Session stark an eine Musikaufnahme aus den 50er Jahren, die ich einen Tag vorher in der Uni in Quezon City gehört hatte. Das waren historische Aufnahmen vom indigenen Volk der Hanunoo-Mangyan – aus Zeiten, als deren herrschaftsfreie politische Struktur noch völlig intakt war. Diese musikalische Brücke zwischen den reichen herrschaftsfreien Traditionen indigener Völker und der zeitgenössischen anarchistischen Bewegung war wohl zufällig; nur teilweise ist sie durch die jeweilige Abwendung von den musikalischen Verfeinerungen der „Hochkulturen“ zu erklären, die eine ausgeprägte Arbeitsteilung erfordern. In der Theorie von Bas Umali spielt das Lernen von den politischen Erfahrungen der Indigenen jedenfalls eine wichtige Rolle. Die Herrschaftsfreiheit hat sich, wie überall in Südostasien, in den unzugänglichen Bergregionen des philippinischen Archipels an vielen Orten lange halten können.

Der Autor und Cris vom Etniko Bandido Infoshop, 20.3.23 – Foto: Rüdiger Haude

Dieser ethnologische Zugang zur Anarchie war der Hauptanlass meiner Reise auf die Philippinen. Die Kontakte, die ich zu Indigenen auf den Inseln Mindoro und Palawan anknüpfen konnte, zeigten jedoch, dass die staatliche Logik mit ihren Bürgermeistern und Richtern schon weit in diese Bergregionen vorgedrungen ist. Die Menschen wollen das auch: Die befestigte Straße und der Anschluss ans Stromnetz vereinfachen ihnen viele Dinge des Alltags, auch wenn sie zerstören, was mir als Außenstehendem besonders wertvoll erschien: den Beweis, dass ein anderes politisches Leben möglich ist. Für Ausflüge in noch höher liegende, weniger angepasste Indigenen-Dörfer fehlte mir leider die Zeit. Ebenso für eine Erklärung des Sachverhalts, dass diese als besonders friedlich und konfliktscheu beschriebenen Völker es immer wieder schaffen, Erfolge im Widerstand gegen die Gier der Bergbau-Konzerne zu erzielen.

Auf Palawan waren wir mit Vertretern der NGO „Center for Sustainability“ unterwegs, die sich ihrerseits gegen die Naturzerstörung durch Bergbau-Firmen wehrt. Wir besuchten ein Dorf der Ethnie der Tagbanua, auf deren angestammten Ländereien dieser Frevel oft genug passiert. Die NGO legt auf die Zusammenarbeit mit dieser zumindest früher ebenfalls herrschaftsfreien Ethnie großen Wert, ebenso aber auch mit den politischen Instanzen der Tiefländer auf allen Ebenen, bis hin zum nationalen Parlament. Dies dient teilweise auch als Rückversicherung gegen das auch hier gefürchtete „Redtaping“.

Noch eine andere Dialektik im Hinblick auf den Staat gibt es auf den Philippinen. Er mag als Repressionsinstanz stark erscheinen, aber in der ganzen Bandbreite seiner Funktionen ist er schwach. Wo es keine ausreichenden Sozialleistungen gibt, können auch familiäre oder solidarische Strukturen der Selbsthilfe einspringen. So setzt sich das Prinzip der Selbstorganisation durch, auch wenn dies gar keiner politischen Theorie, keinem -ismus entspringt. Eine anschauliche Parallele hat dies im Straßenverkehr. Staatliche Verkehrsregeln existieren, aber niemand hält sich daran. Vorfahrt ist eine Sache des Sich-Dazwischenzwängens, ein Chaos, das erstaunlicherweise gut und ohne viel Aggressivität funktioniert. Ich kann noch immer nicht glauben, dass ich in acht Wochen bei diesem Verkehrs-Tetris nicht einen einzigen Unfall beobachtet habe. Man sollte Anarchie nicht nur dort suchen, wo sie ‚lupenrein‘ und ideologisch gefestigt erscheint.

Foto: Rüdiger Haude

Die Frontlinie zwischen Staatlichkeit und Anarchie ist auf den Philippinen nicht immer klar zu ziehen. Schon die als Nationalhelden verehrten José Rizal und Isabelo de los Reyes waren infolge ihrer zeitweisen Deportation ins spanische „Mutterland“ am Ende des 19. Jahrhunderts stark von anarchistischem Gedankengut beeinflusst worden – auch wenn dann die antikoloniale Befreiungsbewegung „Katipunan“ auf eine einheitliche Filipino-Identität und auf Staatlichkeit setzte. (3)
Das philippinische Nationalbewusstsein basiert stark auf der Erfahrung antikolonialer Befreiungskämpfe. Der älteste Nationalheros ist der Indigene Lapulapu, der 1521 eine Gruppe von Kriegern anführte, die den „Entdecker“ der Philippinen, Ferdinand Magellan, besiegte und tötete. Auf ihn beziehen sich auch die Anarchist*innen wohlwollend. Und der Künstler Kidlat Tahimik weist in seiner tollen Ausstellung „Indio Genius“ im Anthropologischen Museum von Manila darauf hin, dass Magellan aufgrund dieses gewaltsamen Todes gar kein Weltumrunder war; es war sein philippinischer Sklave, Navigator und Dolmetscher Ikeng, der wenig später zu seinen Ifugao-Landsleuten zurückkehrte und damit der erste Mensch wurde, der die Erdkugel vollständig umrundet hatte. Aber davon berichtet kein europäisches Geschichtsbuch.

Auch die Anarcho-Szene ist stark männlich dominiert. Dieses Problem ist erkannt und wird reflektiert: Die einzige Buchveröffentlichung des Etniko Bandido Infoshops beschäftigt sich mit dem Anarcha-Feminismus auf dem Archipel.

Eine „Segnung“ der Europäer erfreut sich jedoch nach 500 Jahren ungebrochener Beliebtheit: das Christentum. Mochte der Schriftsteller Rizal noch so lebendig gegen die Grausamkeiten gerade des katholischen Klerus angeschrieben haben: Eine tiefe Frömmigkeit begegnet dem Besucher heute auch bei vielen Menschen, die radikale Ansichten zur neokolonialen Abhängigkeit und eine glühende Ablehnung gegenüber dem amtierenden Präsidenten „Bongbong“ Marcos hegen, dessen Eltern Ferdinand und Imelda selbst in der offiziellen Lesart als der Inbegriff amokgelaufener Staatlichkeit gelten. Als Sozialstaat ist der philippinische Staat auch heute nicht übermäßig aktiv. Deshalb trifft man vielfach auch auf Formen der solidarischen Selbstorganisation. Sie tritt nur ausnahmsweise, wie beim Etniko Bandido Infoshop, unter dem Label des Anarchismus auf. Aber hier wie andernorts ist Anarchie, neben und gegen die Formen der Unterdrückung und der kalten Marktgesetzlichkeit, ein widersprüchlicher und meist unbewusster Aspekt der Lebenswirklichkeit.

An der Oberfläche ist auch das widerständige Leben auf den Philippinen eine Angelegenheit von Männern. Gesamtgesellschaftlich ist auch dies katholisches Erbe. Viele Indizien sprechen dafür, dass die vorkolonialen Gesellschaften des Archipels tendenziell geschlechtsegalitär waren. Mein Gesamteindruck von meinen zwei Monaten auf den Philippinen ist, dass die männliche Dominanz, die heute in der scheußlichen cock fight culture zum Ausdruck kommt, vor allem Fassade ist, hinter der immer noch nennenswerte weibliche Machtressourcen verborgen sind. Der Anteil von Frauen in der offiziellen Politik ist gewiss nicht kleiner als in Deutschland, trotz der Rückschritte unter der Präsidentschaft Rodrigo Dutertes (2016–2022). Dass eine verunsicherte Männlichkeit toxisch werden kann, ist freilich auch auf den Philippinen ein Problem.

Foto: Rüdiger Haude

Auch die Anarcho-Szene ist stark männlich dominiert. Dieses Problem ist erkannt und wird reflektiert: Die einzige Buchveröffentlichung des Etniko Bandido Infoshops beschäftigt sich mit dem Anarcha-Feminismus auf dem Archipel. (4) Das völlig unlektorierte Buch liefert einen Blumenstrauß unterschiedlicher Stimmen und Positionen – manches uns vertraut, manches recht überraschend. An einer Stelle heißt es, der „weiße Feminismus, der mit den gängigen Stereotypen von BH-verbrennenden, unweiblichen Frauen und männerhassenden Schlampen assoziiert wurde“, sei der philippinischen Kultur fremd. Eine Frau aus der Hardcore-Punk-Szene wird mit folgendem Statement zitiert: „Da Oralsex für die Jungs eine so große Sache ist, sollten wir wissen, wie man ihn gut macht.“ Zumindest die Begründung erscheint mir nicht wirklich feministisch-emanzipatorisch. Im Ganzen liefert das Buch mit seinem ungeschminkten Nebeneinander von Positionen aber einen spannenden Einblick in eine noch sehr kleine Szene, und einen Beweis für die Fähigkeit der philippinischen Anarcho-Bewegung zur kritischen Selbstreflexion.

Gegenseitige Hilfe und Selbstorganisation im schwierigen Alltag ; anarchistische Einflüsse auf die Gründerväter ; die reiche indigene Geschichte der Herrschaftsfreiheit ; das zarte Pflänzchen der aktuellen anarchistischen Bewegung – es gibt viele Anknüpfungsmöglichkeiten, um der Idee der Herrschaftsfreiheit auf den Philippinen größere Verwirklichungsfelder zu erkämpfen.

(1) https://suedostasien.net/vom-barangay-zum-infoladen-der-philippinische-anarchismus-ist-gut-verankert/ ; Zum Thema siehe auch: Anarchistische Inspirationen vom Archipel. Libertäre Traditionen, Öko-Anarchismus und Punk auf den Philippinen, Artikel von Andreas Gautsch, in: GWR 466, Feb. 2022, https://www.graswurzel.net/gwr/2022/02/anarchistische-inspirationen-vom-archipel/
(2) Bas Umali: Pangayaw and Decolonizing Resistance. Anarchism in the Philippines. Hrsg. Von Gabriel Kuhn. Oakland, CA: PM Press 2020. S. 25. Zum Thema siehe auch den Artikel zu Anarchismus auf den Philippinen in der GWR 466 und das Interview mit etniko bandido zum Ahunan-Staudamm in der GWR 471.
(3) Anderson, Benedict. Under Three Flags. Anarchism and the Anti-Colonial Imagination, London u.a. 2005.
(4) [Anonyma]: Anarchist Feminists in the Philippines. O.O., o.J. Das Buch ist erhältlich unter https://pmpress.org.uk/product/anarchist-feminists-in-the-philippines/

Rüdiger Haude ist habilitierter Kultursoziologe und (zusammen mit Thomas Wagner) Autor von „Herrschaftsfreie Institutionen – Texte zur Stabilisierung staatsloser, egalitärer Gesellschaften“, Verlag Graswurzelrevolution, Heidelberg 2018. Zuletzt erschien sein Buch „Als Adam grub und Eva spann - Herrschaftsfeindschaft in der Hebräischen Bibel“, Matthes & Seitz, Berlin 2023. Im Februar und März 2023 unternahm er eine Studienreise auf die Philippinen.

 

Dies ist ein Beitrag aus der aktuellen Ausgabe der Graswurzelrevolution. Schnupperabos zum Kennenlernen gibt es hier.

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